Predigt zum Schöpfungstag, Jena, 3. September 2016

„Alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, wenn es mit Dank genossen wird; es wird geheiligt durch Gottes Wort und das Gebet“ (1. Tim. 4: 4-5).

 

Liebe Brüder und Schwestern, 

 

es ist, wie ich meine, zu einer segensreichen Tradition geworden, dass sich Gläubige verschiedener Konfessionen ein Mal im Jahr an verschiedenen Orten versammeln, um gemeinsam über die zunehmend in Mitleidenschaft gezogene Schöpfung nachzudenken und für deren nachhaltige Bewahrung zu beten. Schließlich soll jegliche Kreatur Gottes dem Wohl des Menschen dienen, sofern sie durch „Gottes Wort und das Gebet“ geheiligt wird. Der Mensch ist die „Krone der Schöpfung“ – Letztere soll ihm dienstbar sein, ist doch die ganze übrige Schöpfung um seinetwillen entstanden, damit er sich diese untertan mache (s. Gen. 1: 28-29) – gleichwohl ist Adam mit der Aufgabe betraut worden, den Garten von Eden zu bebauen und zu hüten (s. Gen. 2: 15). Der Mensch ist also von Gott beauftragt worden, Bewahrer der gesamten Natur zu sein. Schöpferische Gestaltungsfreiheit und verantwortungsbewusster Umgang mit den endlichen Ressourcen waren demnach von Anfang an auf das Engste miteinander verwoben. Doch infolge der einseitig erklärten Aufkündigung der Harmonie zwischen dem Bildnis und seinem Schöpfer ist nun auch die ganze übrige Schöpfung „der Vergänglichkeit unterworfen“ (Röm. 8: 20). Gewiss ist es also heute für den Homo sapiens schon rein aus Gründen der Selbsterhaltung nicht verkehrt, für die Reinheit der Luft und der Gewässer sowie für das ökologische Gleichgewicht zu beten – wir Orthodoxe beten ja seit beinahe zwei Jahrtausenden in jedem Gottesdienst „um Wohlbeschaffenheit der Luft / günstige Witterung, den reichen Ertrag der Früchte der Erde und um friedliche Zeiten“ – wohl wissend, dass der Überfluss an natürlichen Gütern und der ungehinderte Zugang aller Menschen auf unserem Planeten zu den lebenswichtigen Ressourcen Luft und Wasser sowie die Erhaltung des Klimas im engsten Zusammenhang zu politischer, sozialer und ökonomischer Stabilität und zu einem gerechten Frieden zwischen den Völkern der Erde stehen. Wenn die ungeteilte Kirche, als deren „Rechtsnachfolgerin“ sich heute die orthodoxe Kirche sieht, diese Kohärenz vor Augen hatte, dann war sie sich der Brüchigkeit dieses Gefüges von Anfang an wohl bewusst. Und es war in der Tat einzig und allein der „Faktor M“, der diese Stabilität der Lebensgrundlagen zu bedrohen imstande war. Nur der Mensch hat ja die Befähigung, sich aus freien Stücken über die von Gott gesetzten natürlichen Grenzen hinwegzusetzen, was ihn freilich immer weiter von seinem Schöpfer entfremdet. Vom Bemühen um innige Gemeinschaft mit seinem Schöpfer hängt aber nicht nur das Seelenheil des Menschen ab; auch die Grundlage für das leibliche Wohl des Menschen hängt letztlich vom Streben nach himmlischer Herrlichkeit ab: „Euch aber muss es zuerst um Sein Reich und Seine Gerechtigkeit gehen: dann wird euch alles andere dazugegeben“ (Mt. 6: 33). So – und keinesfalls umgekehrt!

Alles Geschaffene wird durch „Gottes Wort und das Gebet“ geheiligt (s. Präambel zu dieser Predigt). Tatsächlich erweist sich das Wort Gottes – die Heilige Schrift – als untrügliches Kontrollorgan unserer Taten in Vergangenheit und Gegenwart sowie als nie versiegende Quelle der Inspiration für die Zukunft. Die Bibel stellt ja nicht nur den Zusammenhang zwischen Gottestreue und individuellem Wohlergehen her – „Unglück verfolgt den Sünder, den Gerechten wird mit Gutem vergolten“ (Spr. 13: 21) – die Schrift lehrt uns vielmehr, dass vom menschlichen Handeln das Schicksal des ganzen Planeten abhängt. - War der Sündenfall des Menschen nicht ursächlich für die erste ökologische Katastrophe – mit weitreichenden Folgen für den Menschen selbst?! - Gott sprach zu Adam: „Verflucht ist der Ackerboden deinetwegen. Unter Mühsal wirst du von ihm essen alle Tage deines Lebens. Dornen und Disteln lässt er dir wachsen, und die Pflanzen der Erde musst du essen. Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du zurückkehrst zum Ackerboden: von ihm bist du ja genommen. Denn  Staub bist du, zum Staub musst du zurück“ (Gen. 3: 17-19). Dementsprechend ist die Wiederherstellung des „Ökosystems Erde“ in neuer Herrlichkeit nach Gottes Heilsplan einzig und allein als Folge der Vergöttlichung der menschlichen Natur möglich. „Auch die Schöpfung soll von der Sklaverei und Verlorenheit befreit werden zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes“ (Röm. 8: 21). Und diese Freiheit und Herrlichkeit werden für uns zugänglich durch Jesus Christus, den Sohn Gottes, Der zu eben diesem Zwecke die Kirche auf Erden gegründet hat. Es ist wie beim Gelähmten zu Kapernaum: Gott ist zuvörderst an der Heilung der Seele des Menschen gelegen, dann wird sich auch die leibliche Gesundung einstellen (s. Mt. 9: 1-8;  Mk. 2: 1-12;  Lk. 5: 17-26). Denn „was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber sich selbst verliert und Schaden nimmt?“ (Lk. 9: 25).  Technologischer Fortschritt allein - ohne Hinwendung der Herzen zu Gott - wird die Revitalisierung des dahinsiechenden Planeten nicht bewerkstelligen können. Niemals! 

Mitte August beging man weltweit wieder den „Welterschöpfungstag“, der jedes Jahr auf ein anderes Datum fällt, nämlich auf den Tag, an dem die allen Erdbewohnern (eigentlich) auf das ganze Jahr gerechnet zustehenden irdischen Ressourcen bereits vorzeitig aufgebraucht sind. Dieses Jahr waren die bis zum 31. Dezember zugeteilten Ressourcen wieder einmal um noch ein paar Tage früher aufgebraucht als im Vorjahr. Eine Industrienation wie Deutschland verbraucht jährlich doppelt soviel Ressourcen wie sie ihr (eigentlich) unter Berücksichtigung der dringlichsten Bedürfnisse der gesamten Weltbevölkerung zustehen würden. Die USA verbrauchen sogar ein Vielfaches davon – und alle Nationen auf dem Erdball sehnen sich danach, um jeden Preis den Lebensstandard der westlichen Führungsmacht zu erreichen... 

Dass es Millionen Menschen aus Entwicklungsländern in die reichen Länder der westlichen Hemisphäre zieht, ist verständlich, trägt aber kaum zum Abbau der sozioökonomischen Ungleichheit und schon gar nicht zur Linderung der ökologischen Misere bei. Es ist, um zu unserem heutigen Predigt-Impuls zurückzukehren, „gut und nicht verwerflich“, Gottes natürlichen Reichtum dankbar zu genießen. Doch dazu bedarf es der Einbindung in das Wort Gottes und des Gebets. Sonst sind unersättlicher Gier und ungezügelter Lust Tür und Tor geöffnet. Was Mahatma Gandhi schon vor 70 Jahren sagte, trifft heute umso mehr zu: „Es gibt auf der Welt genügend Rohstoffe, um die elementaren Bedürfnisse der Menschen zu befriedigen, aber nicht genug, um ihre Gier zu stillen“. Im Vergleich zum Ende des letzten Jahrtausends haben u.a. die Milliardenvölker Chinas und Indiens ihr Bruttosozialprodukt durch enormes Wirtschaftswachstum beträchtlich vermehren können, was aber zu einem gigantischen Anwachsen ihres Energiehungers und zu Umweltzerstörungen von bisher ungekannten Ausmaßen führte. Es ist jedoch geradezu grotesk, wenn die bisherigen führenden Industrieländer diese aufstrebenden Nationen nun zur Mäßigung aufrufen. Haben wir denn nichts Besseres anzubieten? Warum verleugnen wir derart vehement unsere eigenen kulturhistorischen Wurzeln? Wir haben doch in Gestalt von Gottes Wort einen Kompass, der uns durch das tosende Meer der Geschichte führen kann: „Denn alle, die vom Fleisch bestimmt sind, trachten nach dem, was dem Fleisch entspricht; alle, die vom Geist bestimmt sind, nach dem, was dem Geist entspricht. Das Trachten des Fleisches führt zum Tod, das Trachten des Geistes aber zum Leben und Frieden. Denn das Trachten des Fleisches ist Feindschaft gegen Gott; es unterwirft sich nicht dem Gesetz Gottes und kann es auch nicht. Wer vom Fleisch bestimmt ist, kann Gott nicht gefallen“  (Röm. 8: 5-8). 

Das soeben Gesagte kann nichts anderes bedeuten, dass die Kirche Christi eine einzige primäre Funktion in dieser Welt hat: die Wiederherstellung der verlorenen Gemeinschaft des Menschen mit Gott. Für den orthodoxen Christen ist dies nur durch die Teilhabe am Leib Christi – am eucharistischen Leben der Kirche – möglich und denkbar, nicht durch ein Leben nach dem Buchstaben der Schrift, denn wir stehen „nicht unter dem Gesetz, sondern unter der Gnade“ (Röm. 6: 14). Wenn sich der Mensch erneuert, dann wird es auch die Natur tun! Darin müssen sich Christen befleißigen, anstatt durch Besetzung gesellschaftlicher Themenbereiche in Konkurrenz zu politischen Parteien zu treten. Gleichwohl, nach besagten spirituellen Kriterien ausgerichtete Christen dürfen und sollen sich sozial und politisch engagieren, dabei gilt jedoch: „Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört“ (Mt. 22: 15; Mk. 12: 17). Das ist die Linie, die nicht überschritten werden darf.

Der Mensch lernt aber nicht aus seinen Fehlern, lässt stattdessen die Diskrepanz zwischen Gottes Wort und seinen eigenen hedonistischen Bestrebungen stetig anwachsen. Die zweite ökologische Katastrophe der biblischen Geschichte nach dem Sündenfall im Garten Eden ließ somit bekanntlich nicht lange auf sich warten: „Der Herr sah, dass auf der Erde die Schlechtigkeit der Menschen zunahm und dass alles Sinnen und Trachten seines Herzens immer nur böse war. Da reute es den Herrn, auf der Erde den Menschen gemacht zu haben, und es tat Seinem Herzen weh. Der Herr sagte: ´Ich will den Menschen, den Ich geschaffen habe, vom Erdboden vertilgen, mit ihm auch das Vieh, die Kriechtiere und die Vögel des Himmels, denn es reut Mich, sie gemacht zu haben`. Nur Noah fand Gnade in den Augen des Herrn“ (Gen. 6: 5-8). 

Was lernen wir daraus? - Der Mensch muss seiner Bestimmung gerecht werden, sich der Fesseln der Fleischlichkeit entledigen, d.h. der menschliche Geist muss über den Leib herrschen. Wenn Gott aber beim Betrachten des Menschen nur erkennt, „dass er Fleisch ist“ (Gen. 6: 3), dann wird  Gott diesem Treiben ein Ende bereiten, um der Verbreitung der „Schlechtigkeit der Menschen“ Einheit zu gebieten. Bemerkenswert ist ja, dass gemäß des von Gott eingesetzten natürlichen Laufes der Dinge die übrigen Lebewesen durch die Sünde des obersten Geschöpfes in Mitleidenschaft gezogen wurden. Auch sie sollten vertilgt werden, damit ihrem Leid ein Ende gesetzt werde. 

Die Sintflut – wie grausam das auch für die moderne humanistische Denkweise erscheinen mag – offenbart Gottes unergründlichen Ratschluss. Die ganze Menschheit samt der Flora und Fauna wurde zerstört, damit die einzig lebensfähigen Menschen - Noah und seine Familie - zu einem neuen Leben in Gott finden konnten. Die Sintflut war somit ein Urbild der Taufe: der alte Mensch stirbt, damit der neue Mensch zu einem erneuerten Leben in Gott gelange: „Wir wurden mit Ihm (Christus) begraben durch die Taufe auf den Tod; und wie Christus durch die Herrlichkeit des Vaters von den Toten auferweckt wurde, so sollen auch wir als neue Menschen leben“ (Röm. 6: 4). Das Ende des zeitlichen Lebens ist gleichbedeutend mit dem Beginn des ewigen Lebens. Der Grundstein dafür wird aber hier auf Erden gelegt: „Daher soll die Sünde euren sterblichen Leib nicht mehr beherrschen, und seinen Begierden sollt ihr nicht gehorchen. Stellt eure Glieder nicht der Sünde zur Verfügung als Waffen der Ungerechtigkeit, sondern stellt euch Gott zur Verfügung als Menschen, die vom Tod zum Leben gekommen sind, und stellt eure Glieder als Waffen der Gerechtigkeit in den Dienst Gottes“ (Röm. 6: 12-13). 

Wenn es also heißt: „Die Sünde soll nicht über euch herrschen“ (Röm. 6: 14), doch der Mensch ist auch nach langem Zureden nicht zur Abkehr von der Sünde bereit, muss er die selbstverschuldete Konsequenz tragen. Letztlich ist es also nicht Gott, der bestraft, sondern der Mensch erntet die Früchte seines Ungehorsams gegenüber der voller Fürsorge ausgesprochenen Warnung Gottes (s. Gen. 2: 17). Gebote Gottes sind keine Gesetze im juristischen Sinne, sondern Wegweiser zu einem erfüllten Leben in der seligen Gemeinschaft mit Gott. Wenn der Mensch sich eigenmächtig den Anordnungen Gottes widersetzt, muss er sich an die eigene Nase fassen – wie zu Sodom und Gomorrha geschehen. Aber auch hier erweist sich, dass nach Gottes Ratschluss der Tod der Sünder dem Gerechten den Weg freimacht für ein Leben mit Gott: „Die Männer (die drei Engel, die Abraham bei den Eichen zum Mamre erschienen waren) erhoben sich von ihrem Platz und schauten gegen Sodom. Abraham wollte mitgehen, um Sie zu verabschieden. Da sagte Sich der Herr: ´Soll Ich Abraham verheimlichen, was Ich vorhabe? Abraham soll doch zu einem großen, mächtigen Volk werden, durch ihn sollen alle Völker der Erde Segen erlangen. Denn Ich habe ihn dazu auserwählt, dass er seinen Söhnen und seinem Haus nach ihm aufträgt, den Weg des Herrn einzuhalten und zu tun, was gut und recht ist, damit der Herr Seine Zusagen an Abraham erfüllen kann`. Der Herr sprach also: ´Das Klagegeschrei über Sodom und Gomorrha, ja, das ist laut geworden, und ihre Sünde, ja, die ist schwer. Ich will hinabgehen und sehen, ob ihr Tun wirklich dem Klagegeschrei entspricht, das mir zugedrungen ist. Ich will es wissen`. Die Männer wandten sich von dort ab und gingen auf Sodom zu“ (Gen. 18: 16-22). Damit Abraham und seine Nachkommenschaft den Segen Gottes zu allen Völkern der Erde bringen, werden die beiden sündhaften Städte vernichtet. Gott hätte auch einen anderen Weg gefunden, wären unter den Bewohnern von Sodom auch nur zehn Gerechte gewesen (s. Gen. 18: 32). So aber war die Missachtung der göttlichen Ordnung (s. Gen. 2: 24) Ursache für den nächsten vom Menschen verschuldeten Kataklysmus der biblischen Geschichte. Doch sind keine Lehren aus der Heilsgeschichte gezogen worden, denn im Neuen Testament heißt es zum einschlägigen Phänomen: „Darum lieferte sie Gott entehrenden Leidenschaften aus: ihre Frauen vertauschten den natürlichen Verkehr mit dem widernatürlichen; ebenso gaben die Männer den natürlichen Verkehr mit der Frau auf und entbrannten in Begierde zueinander; Männer trieben mit Männern Unzucht und erhielten den ihnen gebührenden Lohn für ihre Verirrung. Und da sie sich weigerten, Gott anzuerkennen, lieferte sie Gott einem verworfenen Denken aus, so dass sie tun, was sich nicht gehört“ (Röm. 1: 26-28). Ähnlichkeiten mit vorherrschenden Erscheinungen der zeitgenössischen Lebensweise können wohl nicht ganz ausgeschlossen werden. Wer mit dieser Darstellung der Dinge aus Gründen der politischen Korrektheit nicht einverstanden ist, dem würde ich empfehlen, den Apostel Paulus posthum zu exkommunizieren.

Es geht aber noch schlimmer. Das wohl größte Gräuel in den Augen Gottes waren nämlich die Götzenopfer, die die Söhne Israels dem Baal, dem Moloch oder dem Beelphegor darbrachten, denn schließlich waren es die eigenen Kinder, die den Zorn dieser Dämonen zu besänftigen hatten – Taten, die unvermeidliche Auswirkungen auf die Erde hatten: „Und sie mischten sich unter die Heiden und lernten ihre Werke. Und sie dienten ihren Götzen, und es ward ihnen zum Fallstrick. Und sie opferten ihre Söhne und  ihre Töchter den Dämonen, und sie vergossen unschuldiges Blut, das Blut ihrer Söhne und Töchter, die sie geopfert den Götzen von Kanaan, und getötet wurde das Land durch das Blut und befleckt durch ihre Werke, ja, sie hurten in ihrem Treiben. Und grimmig erzürnte der Herr über Sein Volk, und Abscheu empfand Er vor Seinem Erbe. Und Er gab sie den Händen der Feinde preis, und es herrschten über sie ihre Hasser. Und ihre Feinde bedrängten sie, und sie wurden unter ihre Hände erniedrigt“ (Ps. 105: 35-42).

Damals fielen Kinder religiösem Wahn infolge der Abkehr von Gott zum Opfer. Heute sterben Millionen ungeborener Kinder in reichen Ländern (und nur da!) völlig ohne Not, dafür aber im (faktischen) Einklang mit weltlicher Gesetzgebung. Der hl. Justin (Popovic, + 1979) von Celje äußerte einst die Vermutung, dass in Anbetracht der Tatsache, dass albanische Frauen im Kosovo im Durchschnitt sieben Kinder zur Welt bringen und serbische Frauen durchschnittlich sieben Abtreibungen durchführen lassen, die Albaner aus Gottes Sicht das Herzstück dieses christlichen Landes wohl mehr benötigten als die Serben. Er sollte Recht behalten. Zwanzig Jahre nach seinem Ableben brannten christliche Kirchen und Klöster im Kosovo, die wenigen verbliebenen werden heute Tag und Nacht von KFOR-Truppen bewacht. „Er gab sie den Händen der Feinde preis, und es herrschten über sie ihre Hasser“. Im Verlauf nur eines Jahrhunderts wurde das Verhältnis 90% Christen gegenüber 10% Moslems in das genaue Gegenteil gewandelt. Und nach der erzwungenen völkerrechtswidrigen Unabhängigkeit des Kosovo beträgt der Anteil der Christen dort gerade mal 1 %. Ähnlich sieht es in Palästina seit Gewährung der Autonomie für das Westjordanland aus. In Syrien und im Irak ist man dank der strategischen Weitsicht westlicher Außenpolitik gerade dabei, die verbliebenen christlichen Spurenelemente zu beseitigen. Doch ab hier soll lieber jeder selbst weiterdenken...

In Russland ist die Abtreibungsrate noch immer eine der höchsten in der Welt. Dort erfolgen diese vom Staat legalisierten Morde ohne die Zustimmung der Kirche, aber das Erbe des Atheismus zeigt noch immer Wirkung. In den zivilisierten Ländern des Westens, die keine siebzigjährige kommunistische Herrschaft kannten, hat man sich längst damit abgefunden, dass linksliberale Politikerinnen ungeborenen Kindern das Menschsein absprechen und folglich jede Frau mit ihrem Bauch machen kann was sie will. Und was tun wir Christen heute? Dieses zum Himmel schreiende Thema lockt heute keinen hinterm Ofen hervor, weil es nicht mehr Gegenstand der tagespolitischen Debatte ist. Für wen aber die Warnungen des Alten Testaments keine Dringlichkeit mehr besitzen, der sei daran erinnert, dass zu Anfang der biblischen Geschichte des Neuen Testaments der Massenmord der Säuglinge zu Bethlehem steht (s. Mt. 2: 16-18). Wie wollen wir denn die Schöpfung bewahren, wenn wir den „Kranz der Schöpfung“ mutwillig und kaltblütig zerstören?! Glauben wir allen Ernstes, das Strafgericht wird schon irgendwie an uns vorübergehen? Haben wir etwa Anhaltspunkte dafür in der Heiligen Schrift oder in der Geschichte, dass es schon irgendwie gutgehen wird? Und selbst wenn Gott Seine Drohungen nicht in dieser Welt wahrmachen sollte, für alle und jeden kommt der Tag, an dem er Rechenschaft ablegen wird.

Ich möchte hier nicht zur Revolution oder zur Illoyalität gegenüber staatlichen Institutionen aufrufen. Ich frage mich nur, warum in einem traditionell christlichen Land die biblischen Werte derart auf den Kopf gestellt werden, dass hitzige Debatten zugunsten der Adoption von Kindern durch homosexuelle Paare geführt werden (und es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis die nächste linke Regierung das durchsetzt), während die massenhafte Tötung unschuldiger Kinder keinen mehr aufregt, da längst gesetzlich geregelt. Warum führen wir dann nicht wieder die Todesstrafe ein? Wer bestimmt denn hier, was „human“ ist und was nicht?! Grausame Straftäter töten verbietet sich aus moralischen Gründen, während unschuldige Kinder umgebracht werden dürfen?!.. (Laut) Nachdenken wird hoffentlich noch erlaubt sein.

Mir ist bewusst, dass man durch solche Äußerungen von manch einem als Hardliner bezeichnet und sogar als menschenfeindlich angesehen wird. Ich kann damit leben. Aber glauben Sie mir, dass auch wir in unserer kirchlichen Praxis die gesellschaftlichen Probleme nicht ausklammern und nicht so tun, als ob uns die Herausforderungen der säkularisierten Gesellschaft nichts angehen würden. Auch wir orthodoxe Priester müssen nach dem von unserem Herrn Selbst vorgegebenen Grundsatz handeln, d.h. jeden Menschen lieben und ihm mit viel Empathie begegnen. Dabei dürfen wir aber niemals aus den Augen verlieren, dass Christus der Arzt unserer Seelen ist (vgl.  Mt. 9: 12;  Mk. 2: 17;  Lk. 5: 31). Ärzte müssen manchmal das Skalpell in die Hand nehmen, ihren Patienten schmerzhafte Eingriffe zumuten und ihnen den ernsthaften Willen abverlangen, selbst gesund werden zu wollen. Ein Arzt, der einen Krebstumor feststellt und sagt: „Es ist alles bestens, sie sind kerngesund. Gehen sie ruhig nach Hause, Herr Huber!“ - handelt so einer menschenfreundlich?!

Auch wir orthodoxe Priester werden beizeiten mit der Situation konfrontiert, dass wir selbstgerechte Menschen davor warnen müssen, den ersten Stein zu werfen. Ja, unter den Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion gibt es ohne jeden Zweifel eine gesteigerte Sensibilität gegenüber dem einem Phänomen (alternative Lebensformen) und ein mehr als entspanntes Verhältnis gegenüber dem anderen (Schwangerschaftsabbrüche). Priester müssen heutzutage um des Heiles ihrer Schutzbefohlenen willen die Eiferer des Buchstabens des Gesetzes vermehrt daran erinnern, dass der Sabbat für den Menschen da ist, nicht der Mensch für den Sabbat, denn das einzige Ziel ist die Rettung der Seele. Dafür können notfalls auch Konventionen gebrochen werden, nicht aber das Evangelium auf den Kopf gestellt werden! Umso wichtiger ist es, dass überall im Lande das Wort Gottes gepredigt wird, dass die Menschen Inspiration im Gebet finden und die Gnade des Heiligen Geistes in den Mysterien der Kirche erlangen. Dann sind sie mit allem Notwendigen ausgestattet, um der in ihnen wohnenden Sünde den Kampf anzusagen. - Nur, erklären Sie das mal einer Gesellschaft, in der das Wort „Sünde“ aus dem Sprachgebrauch gestrichen worden ist... 

Aus diesem Grund soll die Kirche auch immer eine Alternative zum Mainstream bleiben. Schauen Sie, es gibt doch kaum noch Filme ohne Bettszenen; Jugendliche werden infolgedessen, dass „Verkehrserziehung“ inzwischen zur staatlichen Domäne mutiert ist, durch unappetitliche Plakate zum Benutzen von Kondomen erzogen; die Leute von heute interessieren sich mindestens genauso sehr für das „Privatleben“ der Promis wie für deren berufliche Tätigkeit, und fördern somit eine gigantische Klatschindustrie. - Warum sage ich das überhaupt?! - Damit wir merken, dass wir Christen, teils unbemerkt für uns selbst, Fleisch vom Fleisch und Bein vom Bein dieser Gesellschaft geworden sind – einer Gesellschaft, die mit ihren „Wertvorstellungen“ unser Denken und Handeln prägt. Um nicht negativ aufzufallen, sind Christen oftmals versucht, durch politisch korrektes „Nachkorrigieren“ das Evangelium unseres Herrn „auf den neuesten Stand“ zu bringen. - „Gebt acht, dass euch niemand mit seiner Philosophie und falschen Lehren verführt, die sich nur auf menschliche Überlieferung stützen und sich auf die Elementarmächte der Welt, nicht auf Christus berufen“ (Kol. 2: 8). Der bequemste Weg ist kaum der richtige (s. Mt. 7: 13-14;  Lk. 13: 24). Es ist schmerzhaft, den Finger in die Wunde zu legen, aber „alles, was aufgedeckt ist, wird vom Licht erleuchtet“ (Eph. 5: 13). Wir müssen  unermüdlich in der Verkündigung der Wahrheit sein: „Legt den alten Menschen ab, der in Verblendung und Begierde zugrunde geht, ändert euer früheres Leben und erneuert euren Geist und Sinn. Zieht den neuen Menschen an, der nach dem Bilde Gottes geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit“ (Eph. 4: 22-24). 

In Russland wird man bei der zumeist unbequemen Verkündigung von Gottes Wort womöglich von den immer noch zahlreichen Atheisten angefeindet – das ist verständlich; in Deutschland trifft man dabei jedoch auf erbitterten Widerstand seitens vieler Christen – das macht nachdenklich. Trotzdem dürfen wir nicht nachlassen und Seelsorge betreiben, die diese Bezeichnung auch verdient. Unsere Aufgabe muss sein, dem an der Seele erkrankten Menschen die Verkündigung der unverdünnten Frohen Botschaft nahezubringen, damit der Geheilte dereinst in seinem Herzen die Worte vernehmen wird: „Auch Ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr“ (Joh. 8: 11). Das – und nicht ein notorisches „weiter so!“ – ist das Endziel unserer Verkündigung.

 

Uns Christen sollte bewusst sein, dass wir eine besondere Verantwortung für die Gesellschaft tragen, in der wir leben – und somit verstärkt für die Schöpfung Gottes. Dabei müssen wir auf dem Fundament der Heiligen Schrift stehen, und nicht dem Zeitgeist verfallen. Der Herr sagt über uns: „Ihr seid das Salz der Erde. Wenn das Salz seinen Geschmack verliert, womit kann man es wieder salzig machen? Es taugt zu nichts mehr; es wird weggeworfen, und von den Leuten zertreten“ (Mt. 5: 13). Ich möchte jedenfalls nicht als totes Treibgut mit der Strömung schwimmen oder bestenfalls als Verwalter der christlichen Konkursmasse in Deutschland fungieren. Bei Aufrufen, wie neulich von Margot Käßmann, die Bibel „kritisch zu lesen“ (wofür sie tosenden Applaus in der Herderkirche erhielt), frage ich mich langsam, wann denn mal ein Handbuch als Anleitung zur Selbstabschaffung des Christentums erscheinen wird. Wir sollten uns davor hüten, infolge des grassierenden Anpassungswahns irgendwann als Diener Gottes für entbehrlich erachtet zu werden. Sollte dies einmal geschehen, dann wäre es mir auch nicht mehr schade um diese Erde. Amen. 

Jahr:
2016
Orignalsprache:
Deutsch