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Predigt zum Fest aller Heiligen (Hebr. 11: 33 – 12: 2; Mt. 10: 32-33, 37-38; 19: 27-30) (07.06.2015)

„Wunderbar ist Gott in Seinen Heiligen, der Gott Israels“ (Ps. 67: 36)

 

Liebe Brüder und Schwestern, 

 

nicht zufällig ist der erste Herrentag nach Pfingsten dem Gedächtnis aller Heiligen gewidmet. Die Kirche ist ja nicht nur der mystische Leib Christi (s. Röm. 12: 5;  1. Kor. 10: 17; 12: 27;  Eph. 1: 23; 4: 12;  Kol. 1: 18, 24; 2: 19; 3: 15), sondern auch die sichtbare Gemeinschaft der Heiligen (s. Mt. 16: 18; 18: 17;  Apg. 2: 47; 20: 28 u.v.m.). Jeder, der die Mysterien des Heiligen Geistes, deren Hüterin die Kirche ist, ehrfürchtig und gläubig empfängt, wird durch sie geheiligt, da wir in der Taufe und Myronsalbung zum Tempel Gottes werden (s. 1. Kor. 3: 16; 6: 19; 2. Kor. 6: 16). Voraussetzung für diese Heiligung ist allerdings der feste Glaube an die Wirksamkeit der Gaben des Heiligen Geistes. Dieser konkrete und lebendige Glaube bildet die Grundlage dafür, dass der menschliche Leib tatsächlich zur Wohnung bzw. Wirkungsstätte des Heiligen Geistes wird, in der kein Platz mehr für die Sünde ist (s. Mt. 6: 22,  Lk. 11: 34-36;  Röm. 6: 6, 12;  8: 10;  1. Kor. 6: 20;  12: 13;  2. Kor. 4: 10;  Eph. 4: 4;  Phil.  1: 20;  1. Thess. 5: 23;  Hebr. 9: 13-14; 10: 10). „Komm, und zieh ein in uns, und reinige uns von aller Befleckung...“, beten wir darum täglich.

Es geht hier auch und vornehmlich um unsere Verbindung und Zugehörigkeit zur unsichtbaren, aber absolut realen Welt. Ihr gilt der Fokus der Heiligen Schrift (s. Kol. 3: 2). Um zu zeigen, dass die Heilige Schrift kein Märchen ist, feiert die Kirche jeden Tag das Gedächtnis eines oder mehrerer Heiligen, sowie ein Mal im Jahr das Fest aller Heiligen, also derer, die jetzt schon zur unsichtbaren Welt gehören. Heilige, wie unser Isidor aus Brandenburg, sind ja, wie zu Lebzeiten, so auch nach ihrem Heimgang „irdische Engel“ bzw. „himmlische Menschen“, für die das irdische Leben nichts weiter als ein Durchgangslager zum himmlischen Dasein war und ist (s. Ps. 38: 13). In der Epistellesung zu diesem Tag werden zahlreiche, kaum vorstellbare Heldentaten aufgezählt, ähnlich denen, die wir aus den Heiligenviten kennen. Dabei wird in der entsprechenden Passage aus dem Hebräerbrief jedes Mal die Betonung auf den Glauben gelegt: „Aufgrund des Glaubens...“ (s. 11: 23-32) wurde Gott in den Menschen verherrlicht – und darin liegt auch der Schlüssel zu Verständnis und Nachahmung unsererseits. Wir dürfen heute schon aufgrund des Glaubens Hohn und sogar Schläge ertragen, in anderen Teilen der Erde auch Ketten und Kerker (s. 11: 36), und selbst wenn wir kaum einmal Löwen den Rachen stopfen werden (s. 11: 33), haben wir trotzdem die Möglichkeit, es auf unsere Weise den Heiligen gleich zu tun. Doch dafür muss der Glaube stark sein.

Nur ein Glaube, der sich konkret auf unser Handeln auswirkt, verdient überhaupt diese Bezeichnung, - was bedeutet, dass wir in all unseren Werken und Gedanken bemüht sein müssen, nach Gottes Willen vorzugehen. Wer das beherzt und konsequent tut, ist schon auf dem Weg des Heils: Kinder, die ihren Eltern immer Gehorsam leisten (s. Eph. 6: 1;  Kol. 3: 20), Eheleute, die sich unentwegt die Treue halten (s. Kol 3: 18-19), Berufstätige, die nicht nur an den notwendigen Broterwerb und legitime Aufstiegschancen denken, sondern ihren Dienst auch als Verantwortung vor Gott sehen (s. Kol. 3: 22-25) usw.

Ein Lokomotivführer schrieb mal an den hl. Nikolai (Velimirovic, + 1956), er fürchte wegen der Umstände seines Berufs um sein Seelenheil, da er kaum die Möglichkeit hätte, zum Gottesdienst in die Kirche zu kommen. Der Heilige antwortete ihm (sinngemäß): „Jedes Mal, wenn du an einem Bahnhof hältst, steigen Dutzende von Menschen ein- und aus. Keiner denkt dabei an dich, keiner sieht dein Gesicht, keiner dankt dir, wenn er wohlbehalten ans Ziel gekommen ist. Doch ohne darüber nachzudenken, verlassen sich alle darauf, dass du deinen Job gewissenhaft und hochprofessio nell ausübst. Während der Fahrt unterhalten sie sich, lesen ihre Zeitung oder berauschen sich an der Schönheit der Landschaft. Tausende von Menschenleben werden dir von Gott jeden Tag anvertraut! Und du meisterst diese Aufgabe, weil du in Anbetracht dieser immensen Verantwortung niemals deine Führerkanzel besteigst, ohne den himmlischen Beistand dafür zu erbitten. Du erfüllst also tagtäglich in Ehrfurcht die Aufgabe, die dir Gott zugeteilt hat. Und du betest dabei!.. Na, glaubst du jetzt immer noch, dass du nutzlos und weit entfernt von Gottes Gnade bist?!“

Auch wir sind, jeder auf seine Weise, zu solch einem „Gottesdienst“ berufen. Wer so seine täglichen Herausforderungen in Familie, Schule, Beruf, Gesellschaft oder Kirchengemeinde bewältigt, wird zu einem lebendigen Glied am Leibe Christi. Jeder!.. Von uns heißt es doch in der Heiligen Schrift, „Ihr aber seid ein auserwähltes Geschlecht, eine königliche Priesterschaft, ein heiliger Stamm, ein Volk, das Sein besonderes Eigentum wurde, damit ihr die großen Taten Dessen verkündet, Der euch aus der Finsternis in Sein wunderbares Licht gerufen hat“ (1. Petr. 2: 9,  vgl.  ebd. 2: 5;  Ex. 19: 5;  Dan. 7: 27)? - Oder sind etwa nur einige Wenige zur Heiligkeit berufen? - Nein: „So soll euer Licht vor den Menschen leuchten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen“ (Mt. 5: 16). Über uns heißt es: „Ihr seid das Licht der Welt“ (Mt. 5: 14). Wehe dem aber, auf den die Worte zutreffen: „Wenn nun das Licht in dir Finsternis ist, wie groß muss dann die Finsternis sein!“ (Mt. 6: 23).

Wir alle kennen die Gebote des Herrn. Nur, wenn es darauf ankommt, finden wir immer gerne eine Ausnahmeregelung für uns, um diese auf uns nicht stringent anwenden zu müssen. Wenn es z.B. heißt: „Leistet dem, der euch etwas Böses tut, keinen Widerstand, sondern wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halte ihm auch die andere hin“ (Mt. 5: 39;  s. Lk. 6: 29), dann pflegen wir beizeiten zu sagen, diese Worte seien aus dem Zusammenhang gerissen und müssten nicht wörtlich genommen werden. Doch hinter einer solchen Denkweise verbirgt sich in Wirklichkeit immer die Absicht, letztlich doch die Bedienung der eigenen (irdischen) Interessen vor Augen haben zu dürfen. Ja, diese und andere Worte sind so, wie sie da stehen, manchmal nur schwer zu begreifen und beinahe unmöglich umzusetzen. Allerdings kann man ihren tiefen allegorischen Sinn sehr gut begreifen, wenn man sie in den Gesamtkontext der Heiligen Schrift wieder einfügt. Dort heißt es doch kurz und knapp: „Alles, was ihr also von anderen erwartet, das tut auch ihnen! Darin besteht das Gesetz und die Propheten“ (Mt. 7: 12;  vgl. Lk. 6: 31). Wenn wir das wirklich beherzt umzusetzen bestrebt sind, werden wir uns immer in die Lage des anderen hineinversetzen können. Auch wir sind manchmal (bewusst oder unbewusst) im Unrecht. Wollen wir dann nicht auch für uns selbst Milde und Entgegenkommen statt einer erbarmungslosen und uns demütigenden Bestrafung unserer Verfehlungen erhoffen?! -Lasst uns doch einfach mit jedem Menschen so umgehen, als sei er ein Gesandter unseres Herrn. Ob er uns persönlich gefällt oder nicht, oder ob er sich jederzeit zu 100% korrekt verhält, ist dabei nebensächlich. Nur dann, wenn wir das Gesamtbild sehen,  können wir, wenn wirklich notwendig, auch zu unumgänglichen disziplinarischen oder defensiven Maßnahmen greifen. So fragte der hl. Sergij von Radonezh den Moskauer Fürsten Dimitrij, als dieser vor der alles entscheidenden Schlacht gegen die Tataren am Don um dessen Segen bat: „Hast du alles getan, um diesen Konflikt auch ohne Blutvergießen lösen zu können? Und hast du alles getan, um dem Feind im Falle seines Einlenkens einen Gesichtsverlust zu ersparen?“ - Und erst als der Fürst diese beiden Fragen nach bestem Gewissen bejahte, erteilte der Heilige ihm und seinem Gefolge den Segen. Und so siegte das russische Heer am 8. September 1380 mit Gottes Hilfe gegen den mehrfach überlegenen Feind. Es darf also niemals „mit Gottes Segen“ zu einer Befriedigung niedrigster Instinkte (Hass, Rache, Missgunst) bzw. zur nachträglichen Rechtfertigung derselben kommen. Das Gleiche gilt, im erweiterten Sinne, auch für politisches, wirtschaftliches, soziales und sonstiges Vorgehen.

Nach dem Ende des II. Weltkriegs versuchten einige Schergen der SS sich vor ihren Richtern zu rechtfertigen: „Wir haben getötet, weil wir mussten!“ - „Nein“, sagte darauf hin ein britischer Richter, „ihr habt getötet, weil ihr es durftet!“ Und das ist ein feiner und ganz entscheidender Unterschied. 

Jeder von uns ist auf seiner Suche nach dem Reich Gottes angehalten, diesen schmalen Grat zwischen dem absolut Notwendigen und dem gerade noch Vermeidbaren herauszufinden. Und dabei haben persönliche Befindlichkeiten, Verlockungen zur Vorteilsnahme sowie sonstige egoistische Motive unbedingt hintan zu stehen. Der Königsweg kann im Extremfall zu 49% böse sein...

Das ist kein leichter Weg. Er ist nur gangbar, wenn der Mensch sich neben seinem eigenen Urteilsvermögen voller Demut der Gnade des Heiligen Geistes hingibt, die er reichlich in den Mysterien der Kirche empfangen kann. Das ist der Weg, den die Heiligen gegangen sind. Sie hatten die Heilige Schrift und die lebendige Tradition der Kirche (ohne die selbst die Heilige Schrift nur toter Buchstabe wäre) als geistlichen Kompass. Wir können ihrem Beispiel jederzeit im Geiste nacheifern, da wir alles Notwendige dazu haben. Das ist, wie so oft, sogar in einen kurzen Satz zu fassen, wie es das nur in der Heiligen Schrift gibt: „Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe“ (Mt. 3: 2;  4: 17;  vgl. Mk. 1: 4, 15;  Lk. 3: 3, 8). Es ist geradezu fahrlässig und naiv zu glauben, es gehe bei diesem Aufruf um einen einmaligen äußeren Akt der Buße. Das Himmelreich kann nur durch größtmögliche Kraftanstrengung erlangt werden (s. Mt. 11: 12). Folglich handelt es sich bei der „Umkehr“ um einen mühseligen dauerhaften Prozess, denn das ist doch klar: niemals wird der Mensch so gut sein, als dass er nicht noch besser werden könnte! In diesem zeitlichen Leben kann sich der Mensch niemals auf seinen Lorbeeren ausruhen, so wie es, bildlich gesprochen, der sorglose reiche Mann in seiner falschen Selbstsicherheit zu tun gedachte (s. Lk. 12: 12-31). Deswegen bietet uns die Kirche Tag für Tag den Weg der ununterbrochenen Reue an: wir haben die Morgen- und Abendgebete, die Vorbereitungsgebete zur Heiligen Kommunion u.v.a., die allesamt nur aus einem bußfertigen Herzen gesprochen werden können. Wir haben zudem als ständigen Begleiter das Jesus-Gebet, das uns, bei konsequenter Anwendung, jederzeit in einen reumütigen  Zustand versetzt. Vor allem aber haben wir das Vorbild der Heiligen, die diesen Weg lange vor uns gegangen sind. In der Kirche, die heute deren kollektives Gedächtnis ehrt, haben wir die Kontrollinstanz über alle Gott gefälligen Werke. Denn äußere Frömmigkeit, Werke der Mildtätigkeit, einen ausgeprägten Hang zur Askese, religiösen Maximalismus und ein charismatisches Erscheinungsbild haben auch viele Schismatiker, Häretiker und Sektierer - also innere und äußere Feinde der Kirche. Man mag mir entgegnen: „Na und? Hauptsache, die guten Werke sind vorhanden. Darauf kommt es doch schließlich an“. 

Tatsächlich sagt der Herr: „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen“ (Mt. 7: 16). Doch „gute Werke“ bis hin zu sog. Wunderheilungen sind ein Gräuel in den Augen Gottes, wenn sie nicht aus Liebe und aus Sorge um die Einheit der Kirche geschehen. Darin, liebe Brüder und Schwestern, liegt der grundlegende Unterschied zwischen göttlichem und menschlichem Denken, zwischen Christentum und Humanismus (s. Jes. 55: 8-9). Wer das nicht begreift, sollte sich fragen, ob sein Denken prinzipiell auf dem Fels des Glaubens fußt (s. Mt. 16: 18;  1. Kor. 10: 4). 

Somit ist die Zugehörigkeit zur bzw. die Dienstbarkeit an der Kirche Christi das Kriterium, an dem wir die wahren Heiligen von den falschen unterscheiden können. Und nicht zuletzt daraus erschließt sich der Sinn dessen, weshalb das Fest aller Heiligen unmittelbar nach dem Abschluss des Gründungsfestes der Kirche Christi gefeiert wird. Fürwahr, „wunderbar ist Gott in Seinen Heiligen!“

Amen.

Jahr:
2015
Orignalsprache:
Deutsch