Sichtbarer Glaube. Biblische „Helden“ in der Kunst

Sichtbarer Glaube

Biblische „Helden“ in der Kunst

 

Das himmlische Brot

Unbekannter Künstler, Werkstatt des Domenico da Venezia

„Die Mannalese“ (1570-1575)

 

 

  Im wichtigsten Gebet aller Christen heißt es: „Unser tägliches Brot gib uns heute“  (Mt. 6: 11 -  Einheitsübersetzung: „Gib uns heute das Brot, das wir brauchen“). Brot ist das Symbol für die Elementarbedürfnisse des Menschen, zusammen mit dem Wasser als Lebensquelle und der Luft zum Atmen. Über die Bedeutung des Wassers sprachen wir ja vor einigen Jahren an dieser Stelle, als die Taufe Christi im Jordan Gegenstand unserer Vortragsreihe war. Wasser ist der Grundstock für alles Leben, weshalb z.B. Astrophysiker beim Erkunden eines Planeten nach Spuren von Wasser suchen, um festzustellen, ob es dort vor Urzeiten Voraussetzungen zum Leben gegeben hat. Auch die Luft ist notwendiger Bestandteil jeglichen organischen Lebens, sowohl auf dem Lande, als auch im Meer. Beim Brot verhält es sich aber anders. Brot ist Sinnbild für die täglichen Bedürnisse des Menschen. Es ist etwas, was der Mensch aus den vier Elementen herstellt: Erde, Wasser, Feuer und Luft. Es ist ein Produkt, das den Menschen an seine Umgebung bindet – sowohl physisch, als auch emotional und geistig. „Im Schweiße deines Angesichts wirst du dein Brot essen“ (Gen. 3: 19) – so lautete dann auch die Strafe Gottes für Adam nach dem Sündenfall. Da es jedoch in der Bibel nunmal selten genug vorkommt, dass die Frau vor dem Mann genannt wird, wollen wir hier nicht unerwähnt lassen, dass Eva in dieser Hinsicht tatsächlich den „Vorzug“ erhält: „Unter Schmerzen gebierst du Kinder“ (3: 16). Sie war ja die erste, die gesündigt hatte, und kommt folglich bei Gottes Strafurteil gleich nach der Schlange dran. Das wirklich Bemerkenswerte ist aber etwas anderes: wir haben doch alle in der Schule gelernt, die Menschen der Urzeit seien Jäger und Sammler gewesen, bevor sie lernten, den Boden zu bearbeiten und Getreide anzubauen. Die Bibel ist da konkreter, stellt den Ackerbau als Folge des Sündenfalls dar: „So ist verflucht der Ackerboden deinetwegen, unter Mühsal wirst du von ihm essen alle Tage deines Lebens“ (3: 17). Und  Gott schickte den Menschen aus dem Garten von Eden weg, „damit er den Ackerboden bestellte, von dem er genommen war“ (3: 23). Damit wird deutlich: vor dem Sündenfall war die Bestellung des Bodens zwar auch Aufgabe des Menschen, aber dies ging noch ohne Mühsal, im Zustand der wonnevollen Gemeinschaft mit Gott und dem Mitmenschen vonstatten. Erst nach dem Sündenfall wurde die Arbeit des Menschen zur Last. Festzuhalten bleibt aber, dass der Bibel zufolge Ackerbau seit Menschengedenken Bestandteil des menschlichen Lebens war. Und nicht von ungefähr verwenden wir heute noch das Wort „Broterwerb“ für jene Tätigkeiten, mit der die Menschen ihren Lebensunterhalt bestreiten. Auch in unserer gegenwärtigen globalisierten Überflussgesellschaft bleibt das Brot wichtigstes Nahrungsmittel: Pizza, Pasta, Burger, Hot-Dog, Döner, aber auch Tortilla, Sushi und Pommes sind unser multikulturelles „täglich Brot“. Allerdings ist der tägliche Konsum dieser Nahrungsmittel, zumindest für die jüngeren Generationen zur Selbstverständlichkeit geworden. Auch ich höre heute oft bei der Beichte, dass die Menschen vergessen, vor bzw. nach dem Essen zu beten. Früher, als man sich noch von Naturgewalten, Seuchen und Kriegen in seiner Existenz bedroht sah, wäre eine Achtlosigkeit gegenüber dem Brot ein Verbrechen gewesen. Als die Menschen noch mehrheitlich mit ihren eigenen Händen pflügten, säten, schnitten, droschen, mahlten, mischten, kneteten und bucken etc. war es vollkommen unvorstellbar, dass jemand ein Stück Brot in den Müll warf oder es mit den Füßen trat. Der moderne Mensch jedoch, der nur am globalen Kreislauf des ständigen Austauschs von Geld, Dienstleistungen und Gütern als kleines Rädchen einer gigantischen Maschinerie teilnimmt bzw. von den Segnungen des Sozialstaates profitiert, kann zumeist keine emotionale oder gar ehrfurchtsgebietende Beziehung zum täglichen Stück Brot aufbauen. In einer Zeit von Fast-Food-Restaurants und Tiefkühl-Waren führen die Essgewohnheiten der Menschen dazu, dass beim Verzehr von Speisen nicht nur der Dank gegenüber dem Vater im Himmel für die gewährten irdischen Gaben gänzlich ausbleibt, sondern auch die Hochachtung vor der schweren Arbeit der Menschen, die für unser täglich Brot schuften, auf der Strecke bleibt. Wer denkt heute schon daran, unter welch erbärmlichen Bedingungen der Reisbauer in Kambodscha, der Bananenpflücker in Honduras, die Kaffeebohnensammlerin in Kamerun oder der Kakaobohnenhacker in Ghana leben und arbeiten müssen, damit wir uns nach dem üppigen Abendessen  noch auf dem Sofa vor dem Fernseher oder vor dem PC/Laptop/Tablet/Smartphone eine weitere Zusatzmahlzeit gönnen dürfen? Uneserer „Geiz-ist-Geil-Mentalität“ entwickelt auch keine Sensibilität gegenüber den Bauern hierzulande, die kaum noch wirtschaftlich Fleisch, Eier und Milch herstellen können. Die Folge davon ist eine Lebensmittelindustrie mit grausamster Massentierhaltung und zunehmender Belastung für die Umwelt, die wiedrum zur Bedrohung für die Menschen wird.

 

Brot ist aber nicht nur ein Nahrungsmittel. In allen Kulturen auf unserem Planeten ist das Brot bzw. das jeweilige Äquivalent (Reis, Mais, Hirse o.ä.) Symbol für die zwischenmenschliche Gemeinschaft, so auch und vor allem bei den Juden des Alten Bundes. Wäre der Messias nicht aus dem Volk der Juden hervorgegangen, sondern z.B. so wie ich in Japan geboren, hätte Er uns wohl so beten gelernt: „Unseren täglichen Reis gib uns heute“. Tatsächlich stand der Apostel der Aleuten und spätere Metropolit von Moskau Innokentij (Veniaminov) im 19. Jahrhundert bei der Übersetzung der Heiligen Schrift in die Sprache der Ureinwohner Alaskas vor dem Dilemma, dass seine neue Herde mit dem Begriff „Brot“ wenig anfangen konnte, so dass er die entsprechende Stelle mit „Unseren täglichen Fisch gib uns heute“ übersetzte...

Auch die neutestamentliche christliche Kultur sieht in der gemeinschaftlichen Einnahme des Brotes ein Indiz für herzliche menschliche Beziehungen. Jeder kennt den Begriff Kumpan (lat. cumpanus), womit ethymologisch jemand gemeint ist, der mit mir zusammen mein Brot isst (slaw. нахлебник). Denn wer setzt sich schon zusammen mit seinem Feind an einen Tisch?! Und da es seit Urzeiten auch „flüssiges Brot“ gibt, lässt sich dieser Begriff selbstverständlich auch auf weitere Bereiche des Lebens ausdehnen.

 

All das müssen wir eingangs berücksichtigen, bevor wir uns dem Kernthema unserer heutigen Vorlesung widmen – dem himmlischen Brot, das Gott den Israeliten im Verlauf von vierzig Jahren in der Wüste regnen ließ.

 

In Kapitel 16 des Buches Exodus lesen wir, wie sich die Israeliten – gerade erst auf wundersame Weise von der Knechtschaft des Pharaos befreit - nach den Fleischtöpfen Ägyptens zurücksehnten und gegenüber Moses zu Murren begannen. Dieser sprach darauf: 

 

Nicht mit gilt euer Murren, sondern dem Herrn. Dann sagte Moses zu Aaron: Sag der ganzen Gemeinde der Israeliten: Tretet hin vor den Herrn, denn Er hat euer Murren gehört. Während Aaron zur ganzen Gemeinde der Israeliten sprach, wandten sie sich zur Wüste hin. Da erschien plötzlich in der Wolke die Herrlichkeit des Herrn. Der Herr sprach zu Mose: Ich habe das Murren der Israeliten gehört. Sag ihnen: Am Abend werdet ihr Fleisch zu essen haben, am Morgen werdet ihr satt sein vom Brot, und werdet erkennen, dass Ich der Herr, euer Gott, bin.

Am Abend kamen die Wachteln und bedeckten das Lager. Am Morgen lag eine Schicht von Tau rings um das Lager. Als sich die Tauschicht gehoben hatte, lag auf dem Wüstenboden etwas Feines, Knuspriges, fein wie Reif, auf der Erde. Als das die Israeliten sahen, sagten sie zueinander: Was ist das? Denn sie wussten nicht, was es war. Da sagte Moses zu ihnen: Das ist das Brot, das der Herr euch zu essen gibt. Das ordnet der Herr an: Sammelt davon so viel, wie jeder zum Essen braucht, ein Gomer je Kopf. Jeder darf so viele Gomer holen, wie Personen im Zelt sind. Die Israeliten taten es und sammelten ein, der eine viel, der andere wenig. Als sie die Gomer zählten, hatte keiner, der viel gesammelt hatte, zuviel und keiner, der wenig gesammelt hatte, zu wenig. Jeder hatte so viel gesammelt, wie er zum Essen brauchte. Mose sagte zu ihnen: Davon darf bis zum Morgen niemand etwas übriglassen. Doch sie hörten nicht auf Mose, sondern einige ließen etwas bis zum Morgen übrig. Aber es wurde wurmig und stank. Da geriet Mose in Zorn über sie.

Sie sammelten es Morgen für Morgen, jeder so viel, wie er zum Essen brauchte. Sobald die Sonnenhitze einsetzte, zerging es. Am sechsten Tag sammelten sie die dopplelte Menge Brot, zwei Gomer für jeden. Da kamen die Sippenhäupter der Gemeinde und berichteten es Mose. Er sagte zu ihnen: es ist so, wie der Herr gesagt hat: morgen ist Feiertag, heiliger Sabbat zur Ehre des Herrn. Backt, was ihr backen wollt, und kocht, was ihr kochen wollt, den Rest bewahrt bis morgen früh auf. Sie bewahrten es also bis zum Morgen auf, wie es Mose angeordnet hatte, und es faulte nicht, noch wurde es madig. Da sagte Mose: Esst es heute, denn heute ist Sabbat zur Ehre des Herrn. Heute findet ihr draußen nichts. Sechs Tage dürft ihr es sammeln, am siebten Tag ist Sabbat, da findet ihr nichts.

Am siebten Tag gingen trotzdem einige vom Volk hinaus, um zu sammeln, fanden aber nichts. Da sprach der Herr zu Mose: Wie lange wollt ihr euch weigern, Meine Gebote und Weisungen zu befolgen? Ihr seht, der Herr hat euch den Sabbat gegeben; daher gibt Er auch auch am sechsten Tag Brot für zwei Tage. Jeder bleibe, wo er ist. Am siebten Tag verlasse neimand seinen Platz. Das Volk ruhte also am siebten Tag. Das Haus Israel nannte das Brot Manna. Es war weiß wie Koriandersamen und schmeckte wie Honigkuchen.

Mose sagte: Der Herr ordnet folgendes an: Ein volles Gomer Manna ist für die Generation nach euch aufzubewahren, damit sie das Brot sehen, das Ich euch in der Wüste zu essen gab, als Ich euch aus Ägypten herausführte. Zu Aaron sagte Mose: Nimm ein Gefäß, schütte ein volles Gomer Manna hinein, und stell es vor den Herrn! Es soll für die nachkommenden Generationen aufbewahrt werden. Wie der Herr dem Mose befohlen hatte, stellte Aaron das Manna vor die Bundesurkunde, damit es dort aufbewahrt würde. Die Israeliten aßen vierzig Jahre lang Manna, bis sie in ein bewohntes Land kamen. Sie aßen Manna, bis sie die Grenze von Kanaan erreichten. Ein Gomer ist der zehnte Teil eines Efa“ (Ex. 16: 8 b – 36;  vgl.  Num. 11: 1-9).

 

Wir sind also zu der gemeinsamen Erkenntnis gelangt, dass seit jeher Brot sowohl als Grundnahrungsmittel, als auch als Zeichen der  Gemeinschaft gilt. In beiden Aspekten kommt dem Brot auch im Neuen Testament eine ganz zentrale Rolle zu. 

 

Für das notwendige Nahrungsmittel steht das Brot bei der ersten Versuchung Christi nach dem Fasten in der Wüste. „Als Er vierzig Tage und vierzig Nächte in der Wüste gefastet hatte, bekam Er Hunger. Da trat der Versucher an Ihn heran und sagte: Wenn Du Gottes Sohn bist, so befiehl, dass aus diesen Steinen Brot wird. Er aber antwortete: In der Schrift heißt es: Der Mensch lebt nicht nur vom Brot, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt“ (Mt. 4: 2-4;  vgl. Lk. 4: 2-4).

 

Die gleiche Bedeutung kommt dem Brot bei der wundersamen Speisung der Fünftausend (s. Mt. 14: 13-21;  Mk. 6: 31-44;  Lk. 9: 10-17) bzw. der Viertausend (Mt. 15: 32-39;  Mk. 8: 1-10) in der Wüste zu, was stark an die Speisung der Israeliten mit dem Manna erinnert. 

 

Aber in einem wesentlichen Aspekt unterscheidet sich die Funktion des Brotes bei der Versuchung in der Wüste und der wundersamen Speisung der Menschenmenge in der Wüste. Im ersten Fall ist der Versucher derjenige, der das Brot anbietet, wie er schon zuvor Adam und Eva durch die Speise zu Fall gebracht hatte. „Du bist doch Gottes Sohn. Mach, dass diese Steine zu Brot werden!“ Er will, dass der Sich freiwillig zur menschlichen Natur erniedrigt und Knechtsgestalt angenommen habende Gottessohn, gewissermaßen, einen „Bonus“ gönnt. Als Gottes Sohn muss Er doch nicht hungern, Ihm untersteht doch die ganze Schöpfung, Er hat doch alle Privilegien! - Aber Christus nahm die menschliche Natur doch gerade in ihrer ganzen Schwachheit an, um den ganzen Menschen zu erlösen. Er kam, um zu dienen (s. Lk. 22: 27 b), um das Leid der Menschen auf Sich zu nehmen. Ja, Er gebrauchte auch Seine göttliche Macht: heilte kranke, trieb Dämonen aus, erweckte Tote zum Leben – aber das tat Er aus Mitleid gegnüber dem gefallenen Menschengeschlecht. Für Sich Selbst hat Er diese Macht bis zu Seiner Auferstehung nicht gebraucht, und die geschah ja nur, damit auch wir durch Seine Auferstehung das ewige Leben erhielten. Der materielle Anreiz des Widersachers zielte also darauf ab, dieses Heilswerk des Messias zu zerstören, bevor es eigentlich erst richtig begonnen hatte. Deshalb die Weigerung Christi, für Sich Selbst die göttliche Macht zu gebrauchen und Steine zu Brot werden zu lassen. Deshalb die klare Prioritätensetzung zugunsten dessen, was für die Seele notwendig ist.

 

Vollkommen anders verhielt es sich mit der Menge, die Jesus in die Wüste gefolgt war, um das Wort Gottes zu hören. Diese Menschen befolgten das, was der Herr zuvor zu Seinen Jüngern in Bezug auf die Suche nach Gottes Wahrheit gesagt hatte: „Euch aber muss es zuerst um Sein Reich und um Seine Gerechtigkeit gehen, dann wird euch alles andere dazugegeben“ (Mt. 6: 33). Sie  wollten nur Gottes Wort vom Himmelreich hören, vergaßen alle ihre materiellen Bedürfnisse – und wurden dafür mit einem Wunder belohnt! So zeigt der Herr, dass jeder, der an Ihn glaubt und Ihm nachfolgt, auf Seinen Beistand zählen darf.

 

Aber damit ist die Bedeutsamkeit des Brotes in der Heiligen Schrift bei weitem nicht erschöpft. Denn worum es Gott in Wirklichkeit geht, ist das himmlische Brot, wofür das Manna in der Wüste nur das Urbild war.

 

Einst fragten die Jünger den Herrn: „Welches Zeichen tust Du, damit wir es sehen und Dir glauben? Was tust Du? Unsere Väter haben das Manna in der Wüste gegessen, wie es in der Schrift heißt: Brot vom Himmel gab Er ihnen zu essen. Jesus sagte zu ihnen: Amen, amen, Ich sage euch: Nicht Mose hat euch das Brot vom Himmel gegeben, sondern Mein Vater gibt euch das wahre Brot vom Himmel. Denn das Brot, das Gott gibt, kommt vom Himmel herab und gibt der Welt das Leben. Da baten sie Ihn: Herr, gib uns immer dieses Brot! Jesus antwortete ihnen: Ich bin das Brot des Lebens; wer zu Mir kommt, wird nie mehr hungern, und wer an Mich glaubt, wird nie mehr Durst haben“ (Joh. 6: 30-35).

Das Johannes-Evangelium kommt im Neuen Testament an vierter Stelle,   hinter den drei ersten Evangelien. Johannes kannte schon die ersten drei Evangelien, so dass er von einer weiteren Wiederholung der Einsetzungsworte des Abendmahls absah, dafür aber umso eingehender die Abschiedsrede des Herrn während des Abendmahls wiedergibt und dabei umso eindeutiger die Lehre des Herrn über die Bedeutung des himmlischen Brotes an uns weitergibt. „Ich bin das Brot des Lebens“ bedeutet, dass wir in der Gemeinschaft der Kirche Christi mit Gott das Mahl halten dürfen: zuerst hier auf Erden, danach im Reich Gottes.

Die drei ersten Evangelisten hingegen, die Synoptiker, berichten ausführlich über die Einsetzung des Mysteriums von Leib und Blut Christi, welches eine ganz zentrale Rolle in der Heiligen Schrift des Neuen Testamentes einnimmt. So steht es bei Markus geschrieben: „Während des Mahls nahm Er das Brot und sprach den Lobpreis; dann brach Er das Brot, reichte es ihnen und sagte: Nehmt, das ist Mein Leib. Dann nahm Er den Kelch, sprach das Dankgebet, reichte ihn den Jüngern, und sie tranken alle daraus. Und Er sagte zu ihnen: Das ist Mein Blut, das Blut des Bundes, das für viele vergossen wird. Amen, Ich sage euch: Ich werde nicht mehr von der Frucht des Weinstocks trinken bis zu dem Tag, an dem Ich von neuem davon trinke im Reich Gottes“ (Mk. 14: 22-25;  vgl.  Mt: 26: 26-29;   Lk. 22: 14-23). Schon durch König Salomon im Alten Testament verkündete der Herr tausend Jahre zuvor auf prophetische Weise: „Kommt, esst von Meinem Mahl, und trinkt vom Wein, den Ich mischte. Lasst ab von der Torheit, dann bleibt ihr am Leben, und geht auf dem Weg der Einsicht“ (Spr. 9: 6). Es ist die Vorandeutung des Abendmahls zur Erlangung des ewigen Lebens durch die „Vergebung der Sünden“ (Mt. 26: 28). 

Das mystische Abendmahl – der allreine Leib und das kostbare Blut Christi - wird uns vom Herrn also unter zweierlei Gestalt dargereicht: in Form von Brot und Wein. Wir sprachen zuvor über die Bedeutung des Brotes, das für das dringend Notwendige steht, für das, was wir zur Befriedigung unserer Grundbedürfnisse benötigen (Einheitsübersetzung: „Gib uns heute das Brot, das wir brauchen“). Wie verhält es sich aber mit dem Wein? - Der Wein ist kein gewöhnlicher, alltäglicher Trank, sondern etwas Erhabenes, Edles, also kein „Grundnahrungsmittel“. Warum dann Wein, und nicht Wasser?  - Aber genau darin liegt die Tiefe der Weisheit Gottes: im Mysterium der Eucharistie vereinigen sich Gott und Mensch zur Erlösung des Menschengeschlechts. „Gott wurde Mensch, damit der Mensch Gott werde“ - so drückte es der hl. Athanasios der Große, der „Vater der Orthodoxie“ im vierten Jahrhundert aus. Der Natur nach bleibt der Mensch was er ist, aber der Gande nach wird er zum Teilhaber Gottes. Bei dieser mystischen Vereinigung zwischen Gott und Mensch steht der Wein somit für das Göttliche, während das Brot das Menschliche versinnbildlicht. Es ist tatsächlich so, dass uns der Gottmensch Jesus Christus durch die Heilige Eucharistie zu Seinen Kumpanen (im wahrsten und edelsten Sinne des Wortes) macht. Durch die Einnahme des himmlischen Brotes werden alle Christen hier auf Erden zu Teilhabern der Gottheit Christi, „bis das Mahl seine Erfüllung findet im Reich Gottes“ (Lk. 22: 16). Und so schließen wir unser heutiges Gespräch mit den Worten des Herrn aus dem Johannes-Evangelium: „Müht euch nicht ab für die Spesie, die verdirbt, sondern für die Speise, die für das ewige Leben bleibt und die der Menschensohn geben wird“ (Joh. 6: 27). Unter dem „täglichen Brot“ müssen wir uns demnach zuvörderst das himmlische Brot vorstellen, erst danach an die irdische Speise denken. Das Manna in der Wüste war ja nur die urbildliche Andeutung dessen, was sich heute in der Kirche Christi während der Göttliche Liturgie tagtäglich ereignet und bis zum Ende dieser Welt Bestand haben wird: „Denn das Brot, das Gott gibt, kommt vom Himmel herab und gibt der Welt das Leben“ (6: 33).

 

Jahr:
2015
Orignalsprache:
Deutsch