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Predigt zum 23. Sonntag nach Pfingsten (Eph. 2: 4-10; Lk. 12: 16-21) (01.12.2013)

„Wenn der Reichtum auch wächst, so verliert doch nicht euer Herz an ihn“ (Ps. 61: 11)

 

Liebe Brüder und Schwestern,

 

am ersten Sonntag der Weihnachtsfastenzeit bietet uns die Kirche das Gleichnis vom reichen Mann an, der soviel materielle Güter angehäuft hatte, dass er buchstäblich nicht mehr wusste, wohin damit (s. Lk. 12: 17). Dieses Gleichnis erzählte der Herr übrigens als Reaktion auf die Bitte eines Mannes aus der Volksmenge, der Ihn bat, seinen Bruder dazu zu bewegen, das väterliche Erbe mit ihm zu teilen. Die Reaktion des Herrn war eindeutig: „Mensch, wer hat Mich zum Richter oder Schlichter bei euch gemacht?“ Dann sagte Er zu den Leuten: „Gebt acht, hütet euch vor jeder Art von Habgier. Denn der Sinn des Lebens besteht nicht darin, dass ein Mensch aufgrund seines großen Vermögens in Überfluss lebt“ (Lk. 14-15).

Aber … Hand aufs Herz, ist es nicht gerade das, was wir uns (insgeheim) wünschen – vielleicht keine Milliarden – aber doch so viel materielle Rücklagen zu haben, dass wir uns um nichts mehr Sorgen zu machen brauchen?! Träumen wir (tagsüber) nicht alle davon, baldmöglichst für den Rest des Lebens ausgesorgt zu haben, zu sich selbst sagen zu dürfen: „Ruh dich aus, iss, trink und freue dich des Lebens!“ (12: 19)?

Den vorliegenden Themenkomplex beschließt der Herr ja mit den hinlänglich bekannten Worten: „Darum fragt nicht, was ihr essen und was ihr trinken sollt, und ängstigt euch nicht. Denn um all das geht es den Heiden in der Welt. Euer Vater weiß, dass ihr das braucht. Euch jedoch muss es um Sein Reich gehen; dann wird euch das andere dazugegeben.“ (12: 29-31).

 

Würden wir besagten „Idealzustand“ der Rundum-Sorglosigkeit erreichen, wäre das für unseren Glauben schädlich. Das wird auch durch die pastorale Praxis bestätigt: zahlreiche Menschen finden den Weg in die Kirche infolge von Kummer, Not und Leid, wohingegen kaum jemals einer aus Überschwang der Glücksgefühle plötzlich zu der Erkenntnis gelangt war, sich Gott für alles dankbar zu erweisen. So sind wir nun mal: Erfolge schreiben wir uns selbst zu, Misserfolge - den anderen Menschen oder den äußeren Umständen. Irdisches Wohlergehen und Selbstzufriedenheit schärfen aber nicht gerade die Sinne für das Seelenheil.

Um dies quasi zu verdeutlichen, schreibt der hl. Apostel Paulus in der heutigen Lesung an die Epheser: „(Gott) hat uns mit Christus auferweckt und uns zusammen mit Ihm einen Platz im Himmel gegeben. Dadurch, dass Er in Christus Jesus gütig an uns handelte, wollte Er den kommenden Zeiten den überfließenden Reichtum Seiner Gnade zeigen. Denn aus Gnade seid ihr durch den Glauben gerettet, nicht aus eigener Kraft – Gott hat es geschenkt -, nicht aufgrund eurer Werke, damit keiner sich rühmen kann. Seine Geschöpfe sind wir, in Christus Jesus dazu geschaffen, in unserem Leben die guten Werke zu tun, die Gott für uns im voraus bereitet hat“ (Eph. 2: 6-10).

 

Das Leben ist uns gegeben, um gute Werke zu tun. Unsere Rettung durch Christus Jesus ist ein überfließender Reichtum der Gnade Gottes – eine Gnade, die wir freilich auch ausschlagen können. So geschehen im vorliegenden Gleichnis.

 

Klar ist, um welchen Reichtum es uns gehen sollte (s. Mt. 6: 19; Lk. 12: 21, 33-34). Die zitierten Worte vom Himmelreich sind ja so etwas wie die Quintessenz des Evangeliums Christi.

 

Dazu nun einige Gedanken.

 

Lehrt uns der Herr wirklich, sich nicht um die eigenen alltäglichen Bedürfnisse und diejenigen unserer Kinder oder Schutzbefohlenen zu sorgen?.. Das hieße doch wohl, die Hände in den Schoß zu legen und zu beten, dass alles von selbst vom Himmel herunterkommt oder dass Menschen, die die Bibel nicht gelesen haben, uns (aus christlicher Nächstenliebe vielleicht?!) mitversorgen.

 

Nein! Geronta Paisios sagte einmal, dass wir uns sehr wohl um globale und private Belange Sorgen machen sollen (sonst wären wir ja sorglos wie der o.g. reiche Mann) – nur, so der Hagiorit, soll dies eine „gute Besorgnis“ sein. Tatsächlich habe ich beim Auftreten von Schwierigkeiten, Bedrohungen oder Problemen vielerlei Möglichkeiten: ich kann, zum einen, aus Verzweiflung resignieren, ich kann mich aber, zum anderen, auch ausschließlich auf irdische Faktoren verlassen (z.B. bei Krankheit - auf ärztliche Hilfe, im Kriegsfall - auf die eigenen Streitkräfte usw.) – und dabei Gott außen vor lassen. Oder ich sage: „Es ist alles in Gottes Hand. Was von mir abhängt, werde ich, mit Gottes Hilfe tun. Alles andere, was außerhalb meiner Macht steht, geschehe nach dem Willen des Herrn“. Also definiert sich meine „gute Besorgnis“ durch das Bestreben, in jeder erdenklichen Lage gemäß den Geboten und dem Willen Gottes zu handeln – und diesen Willen letztendlich zu akzeptieren (s. Mt. 6: 10). Ich weiß doch, dass Gott meine Sorgen und Nöte kennt, Er hat im voraus einen Heilsplan für uns geschmiedet. Also will ich Mit-Arbeiter auf Gottes Acker sein – und mich nicht fürchten. Darum spricht der Herr ja zu uns: „Fragt nicht, was ihr essen und was ihr trinken sollt, und ängstigt euch nicht“  (Lk. 12: 29).

 Wo der Glaube groß ist, ist die Angst gering – und umgekehrt.

 

Die mahnenden Worte des Herrn an den reichen Mann aus dem Gleichnis sind furchterregend: „Du Narr! Noch in dieser Nacht wird man dein Leben von dir zurückfordern. Wem wird dann all das gehören, was du angehäuft hast?“ (12: 21). - Ist das nicht zugleich ein knallhartes, aber untrügliches Kriterium nicht nur für unsere materiellen Güter, sondern für unser ganzes Leben, unser gesamtes Handeln und Tun? Denn was bleibt von unserem irdischen Dasein, wenn wir es versäumt haben, „in unserem Leben die guten Werke zu tun, die Gott für uns im voraus bereitet hat“ (Eph. 2: 10)?

 

Aber gibt es darüber hinaus nicht auch eine ganz andere, eine allegorische Deutung für das Gleichnis vom selbstsicheren und sorglosen Reichen?

 

Ich meine, kann die leichtfertige Unbekümmertheit, neben der materiellen, nicht auch eine spirituelle Dimension haben?.. 

 

In seinem Buch „Hundert Fragen an einen orthodoxen Theologen“ warnt der langjährige Vorsitzende der „Kommission der Orthodoxen Kirche(n) in Deutschland e.V.“ Prof. Dr. Anastasios Kallis uns Orthodoxe davor, uns selbstzufrieden des geistlichen Reichtums unserer Kirche zu rühmen. Tatsächlich neigen wir allzu oft zu einem arroganten Triumphalismus, der uns die Augen auf die Realität versperrt. Denn auch wir (ich rede jetzt von den wirklich aktiven, praktizierenden orthodoxen Christen, nicht von den nominellen) denken uns oft: wir essen(!) den wahren Leib Christi, wir trinken(!) das wahre Blut Christi. Wollen wir es uns also gut gehen lassen, uns des Lebens freuen, denn wir haben, im Gegensatz zu den Häretikern, nichts zu befürchten...

 

Doch lehrt die Geschichte, dass dieses Lebensmodell niemals auf Dauer Bestand hatte. Dem Fall des Byzantinischen, des Russischen und aller vor und nach ihnen existierenden orthodoxen Königreiche ging eben diese besagte, im Widerspruch zum Evangelium stehende Grundhaltung voraus.

 

Nun gibt es kein orthodoxes Königreich mehr, und wir leben heute in einem mehrheitlich nicht-orthodoxen Land. Aber das ändert nichts daran, dass wir berufen sind, das Reich Gottes (s. Lk. 12: 31) zu erlangen, ein Reich, das ja bekanntlich mitten unter uns (s. Lk. 17: 21) sein sollte. Also sei doch die Frage erlaubt: was nützt es uns, wenn wir durch die Taufe zu Gliedern des Leibes Christi und durch die Myronsalbung zu Tempeln des Heiligen Geistes geworden sind, wenn wir allwöchentlich den wahren Leib Christi und das wahre Blut Christi empfangen – aber sonst nichts mehr darauf hindeutet, das wir die Kirche Christi sind?! Können wir uns tatsächlich damit zufrieden geben, in der äußeren Wahrnehmung der Welt lediglich mit goldenen Kuppeln, langen Bärten und Kopftüchern assoziiert zu werden?

Dass dem so ist (und wer zweifelt ernsthaft daran?), ist nicht die Schuld der Außenwelt. Denn würden wir nach den Geboten Christi leben, gäbe es, gemäß den Worten unseres Herrn, diesbezüglich ja keinerlei Probleme: „Ein neues Gebot gebe Ich euch: Liebt einander! Wie Ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben. Daran werden alle erkennen, dass ihr Meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt“ (Joh. 13: 34-35). Amen.
Jahr:
2013
Orignalsprache:
Deutsch