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Predigt zum Herrntag der Kreuzverehrung (Hebr. 4: 14 – 5: 6; Mk. 8: 34 – 9: 1) und zum Hochfest der Verkündigung der Allheiligen Gottesgebärerin (Hebr. 2: 11-18; Lk. 3: 1-24) (07.04.2013)

Liebe Brüder und Schwestern,

der heutige Tag der Kreuzverehrung ist chronologischer Mittelpunkt und liturgischer Höhepunkt der Großen Fastenzeit. Dieses Jahr fällt dieser Tag zusammen mit dem Hochfest der Verkündigung der Allreinen Gottesgebärerin.

Damit wir in unserem Eifer bei der Vorbereitung auf die Karwoche und das Osterfest nicht nachlassen, ermahnt uns die Kirche durch die Worte des Herrn: „Wer Mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge Mir nach“ (Mk. 8: 34). Diese Worte mögen auf den ersten Blick wenig erfreulich klingen, denn wer verleugnet sich schon gerne selbst und trägt dazu gerne sein Kreuz?! Man könnte meinen, dass der Mensch, wenn überhaupt, nur imstande ist, dieses Gebot widerwillig, also aus Angst vor Strafe oder bestenfalls in Erwartung der versprochenen Belohnung zu befolgen. Das ist aber der falsche Ansatz für jegliches geistlich-asketisches Denken. Natürlich haben disziplinarische „Druckmittel“ oder pädagogische Anreize in Anbetracht der menschlichen Unvollkommenheit ihre Daseinsberechtigung im kirchlichen Leben, nur wird diesen allzuoft unangemessene bzw. überproportionale Bedeutung beigemessen. So könnten auch die nachfolgenden Worte des Herrn, - je nach Blickwinkel und geistlicher Entwicklungsstufe, - gleichermaßen als Warnung bzw. als Ansporn verstanden werden: „Wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um Meinetwillen und des Evangeliums willen verliert, der wird es retten“ (Mk. 8: 35). Dabei dürfen wir aber eines nie vergessen: „Gott ist die Liebe“ (1 Joh. 4: 8). Sinnbild der göttlichen Liebe ist das Kreuz.

Diese Liebe soll auch für uns der Schlüssel zum Verständnis der Botschaft des heutigen Tages sein. So hat man z.B. als Familienmensch ebenfalls sein „Kreuz“ in der Nachfolge Christi zu tragen. Ein Vater arbeitet bis zum Umfallen, um die Familie zu ernähren; die Mutter zieht die Kinder auf, schläft nachts kaum, führt den Haushalt. Würde das alles nur aus Pflichtgefühl oder aus disziplinarischem Gehorsam geschehen, wäre das alles doch gar nicht zu schaffen. Die Kraft der Liebe, die immer die Opferbereitschaft, d.h. den Verzicht auf eigene legitime Interessen und Bedürfnisse beinhaltet, macht es möglich, dass schwache Menschen „Übermenschliches“ zu leisten imstande sind. Und das ist das Grundprinzip für die Nachfolge des Herrn. Denn Christus „war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein, sondern Er entäußerte Sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Sein Leben war das eines Menschen; Er erniedrigte Sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz“ (Phil. 2: 6-9). Vielzuoft meinen wir, Fasten- und Gebetsregeln, Gottesdienstbesuche etc. seien Pflichtveranstaltungen. Aber wer derartiges denkt, der wird früher oder später unter der Last dieses Kreuzes zusammenbrechen. Also muss unser Ziel nicht die äußere Befolgung der „Vorschriften“ unter allen Umständen sein, sondern die Erlangung und Bewahrung eines inneren Geisteszustandes, der uns die Befolgung der Gebote erstrebenswert und sogar leicht und angenehm macht: „Wenn ihr euch vom Geist führen lasst, dann steht ihr nicht unter dem Gesetz“ (Gal. 5: 18). Wir kennen ja die Gebote: „Du sollst den Herrn, deinen Gott lieben, mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deinen Gedanken und „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ (Mt. 22: 37). Also muss ich hochkonzentriert im Gebet sein, und dazu muss ich Ablenkung und Zerstreuung ausschließen (z.B. Handy abschalten, Zimmertür abschließen), die Zeit für wenige Minuten „stehen lassen“, voller Demut und Ehrfurcht vor dem Herrn stehen. Form, Körperstellung und Zeitaufwand sind zweitrangig, denn es kommt auf die Intensität und die Aufrichtigkeit des Gebets an. Erkennt man dann die Süße der Gemeinschaft mit Gott, will man danach nicht mehr sein wie der Hund, der zu dem zurückkehrt, was er erbrochen hat, oder wie die gewaschene Sau, die sich wieder im Dreck wälzt (s. Spr. 26: 11 und 2 Petr. 2: 22).

Wenn wir nun wenigstens für die Zeit des Fastens begreifen, dass dieses doch das richtige, das einzig wahre Leben ist, dann hat die Fastenzeit ihr Ziel bei uns erreicht. „Das Opfer, das Gott gefällt, ist ein zerknirrschter Geist; ein zerbrochenes und zerschlagenes Herz wirst Du, Gott, nicht verschmähen“ (Ps. 50: 19). Wenn jemand hingegen Tag und Nacht Kanones und Akathistoi darbrächte, aber statt eines zerrknirrschten Geistes ein hochmütiges Herz und einen eingebildeten Verstand hätte, wären seine Gebete nur „dröhnendes Erz und eine lärmende Pauke“ (1 Kor. 13: 1).

Wem es aber kraft der Gnade des Herrn infolge des Betens und Fastens gelingt, einen demütigen Geisteszustand zu erlangen, dem wird ganz plötzlich all das leicht fallen, was ihm vorher, vom Standpunkt des menschlichen Denkens, unmöglich schien: Kränkungen von Herzen zu verzeihen, vermeintlich Bessergestellten ihren Erfolg und ihr Wohlergehen zu gönnen, vermeintlich Schlechteren ihre Schwächen nachzusehen, in stressigen Situationen gelassen zu reagieren und sogar seine Feinde zu lieben. Diese Gnade heilt auch körperliche Leidenschaften – natürliche und widernatürliche: „Daher soll die Sünde euren sterblichen Leib nicht mehr beherrschen, und seinen Begierden sollt ihr nicht mehr gehorchen“ (Röm 6: 12).  

Die Liebe zu Gott und zu meinem Nächsten macht mich also zu einem Nachfolger Christi. Es ist hierbei aber manchmal viel leichter, hungernde Kinder in Afrika oder vergewaltigte Frauen in Indien zu lieben, als seinen unmittelbaren Nächsten – den Ehepartner, die Geschwister, den Chef, die Kollegen, den Lehrer, die Mitschüler, die Nachbarn, den Schwiegersohn oder gar die Schwiegermutter. Sie sind unsere Nächsten, weshalb das experimentelle Betätigungsfeld für uns die Familie, die Kirchengemeinde, das Büro, das Klassenzimmer und danach auch der Rest der Welt ist. Seinen Nächsten zu lieben bedeutet, ihn mit all seinen Schwächen zu akzeptieren. Was für eine Tragik, wenn man die „die ganze Welt liebt“, aber die Menschen in der unmittelbaren Umgebung nicht ausstehen kann! Denn was schon als „Modell“ nicht funktioniert, ist in der realen Praxis vorab zum Scheitern verurteilt.

Gewiss, die Nachfolge Christi bedingt und beinhaltet das Tragen des Kreuzes: „Kommt alle zu Mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen“ (Mt. 11: 28). Diese Plagen und Lasten lässt Gott doch nur zu dem einen Zweck zu, damit wir durch sie im Glauben an Gottes Allmacht sowie in der Hoffnung auf Gottes Beistand zunehmen und durch die daraus resultierende Liebe gestärkt werden. Wenn wir diese Quelle der Inspiration haben, fürchten wir uns vor keinen Prüfungen. Wir werden bereit sein, Dem zu folgen, Der gesagt hat: „Nehmt Mein Joch auf euch und lernt von Mir; denn Ich bin gütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seele. Denn Mein Joch drückt nicht, und Meine Last ist leicht“ (Mt. 11: 29-30). Wie ein Zugtier, das eine ganze Wagenladung niemals auf dem Rücken tragen könnte, werden wir, eingespannt unter das leichte „Joch“ Christi, erst fähig, die ganze Schwere der seelischen und körperlichen Mühsal dieses Lebens bis an den weit entlegenen Bestimmungsort zu befördern. Dabei wird es mal bergauf und mal wieder bergab gehen, aber das Ziel wird erreicht.

Das jegliche menschliche Vorstellungskraft übersteigende Vorbild der Nachfolge Christi sehen wir in der Mutter Gottes. Es ist bemerkenswert, dass zu den Festen zu Ehren der Gottesmutter üblicherweise der o.a. Abschnitt aus dem Brief an die Philipper gelesen wird, obwohl die Gottesmutter darin namentlich gar nicht erwähnt wird. Sie hat durch den „Gehorsam bis zum Tod am Kreuz“ von allen Menschen am wirkungsvollsten Christi Nachfolge angetreten. Sie wusste von Anfang an, dass Ihr Selbst „ein Schwert durch die Seele“ (Lk. 2: 35) dringen wird, und ertrug den qualvollen Kreuztod Ihres Sohnes mit einer Demut und Ergebenheit, die für das menschliche Wahrnehmungsvermögen für alle Zeit verschlossen bleibt. Kein Wort der Klage oder der Verdammnis kam über Ihre Lippen, als die menschliche Rechtsprechung den einzig Schuldlosen verurteilte. Dadurch wurde Sie zur Fürsprecherin aller von Leid und Unrecht Geplagten. Sie ist das gnadenerfüllte Gefäß, durch Das die Verkündigung der Geburt Christi, wie im Troparion zum Fest besungen, zum „Anfang unserer Errettung“ wurde.

Amen.

Jahr:
2013
Orignalsprache:
Deutsch