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Predigt zum Herrntag nach der Geburt Christi (Gal. 1: 11-19; Mt. 2: 13-23) (13.01.2013)

Liebe Brüder und Schwestern,

der Sonntag nach dem Fest der Geburt Christi ist dem Gedenken an die Flucht der Heiligen Familie nach Ägypten sowie dem Gedächtnis derer, die mittelbar oder unmittelbar daran beteiligt waren, gewidmet: Josef des Bräutigams, des Königs David und des Herrnbruders Jakobus.
a) Josef, der ja nur der Form halber Ehemann der jungfräulichen Mutter des Herrn war (weshalb in der gleich folgenden Anweisung des Engels des Herrn nicht vom „Sohn“ bzw. der „Ehefrau“ Josefs die Rede ist), erhielt im Traum die Anweisung des Engels: „Steh auf, nimm das Kind und Seine Mutter, und flieh nach Ägypten: dort bleibe, bis ich dir etwas anderes auftrage; denn Herodes wird das Kind suchen, um Es zu töten“ (Mt. 2: 13).
b) David, der Urahn, hatte zwar etwa ein Jahrtausend vorher gelebt, doch in seiner Stadt ereignete sich die Menschwerdung des Herrn, wie es vorausgesagt worden war: „Aber du, Betlehem-Efrata, so klein unter den Gauen Judas, aus dir wird Mir Einer hervorgehen, Der über Israel herrschen soll. Sein Ursprung liegt im Anfang der Zeiten, in ewigen Tagen. Darum wird Er diese auf Zeit verlassen, bis die Gebärende einen Sohn geboren hat. Dann wird der Rest seiner Brüder heimkehren zu den Söhnen Israels. Er wird auftreten und ihr Hirt sein in der Kraft des Herrn, im hohen Namen Jahwes, Seines Gottes. Sie werden in Sicherheit leben; denn nun reicht Seine Kraft bis an die Grenzen der Erde. Und Er wird der Friede sein.“ (Mi. 5: 1-4a; vgl. Mt. 2: 6).
c) Jakobus schließlich, „Bruder des Herrn“ genannt, stand der Überlieferung zufolge seinem „leiblichen Stiefvater“ Josef bei den Strapazen der überstürzten Flucht zur Seite (Josef hatte nach dem Gesetz der Schwagerehe in jüngeren Jahren die Frau seines kinderlos verstorbenen Bruders Kleopas geheiratet, somit galt der von Josef gezeugte zahlreiche Nachwuchs dem Gesetze nach als Nachwuchs des Kleopas – s. Dtn. 25: 5-10). Ihm ist auch die heutige Apostellesung gewidmet. Paulus, der nach seiner wundersamen Bekehrung einige Zeit in der Arabischen Wüste zugebracht und danach noch drei Jahre in Damaskus zum Zwecke der Verkündigung des Evangeliums verweilt hatte, ging anschließend nach Jerusalem, zu denen, die schon vor ihm Apostel waren (s. Gal. 1: 17). Dort verbrachte er fünfzehen Tage bei Kephas, den er erst bei dieser Gelegenheit persönlich kennengelernt hatte. Und dann ergänzt er: „Von den anderen Aposteln habe ich keinen gesehen, nur Jakobus, den Bruder des Herrn“ (Gal. 1: 19).

Die Widmung dieses Feiertags zum Abschluss des Geburtsfestes Christi an die „leiblichen Verwandten“ des Herrn ist ein weiterer Beleg dafür, dass Gott den Menschen trotz all seiner Schwachheit als Werkzeug Seines Heilsplans auserkoren hat. So ist der Tag nach Christi Geburt ja auch der Gottesmutter gewidmet, der Tag nach Theophanien – Johannes dem Täufer, der Tag nach der Begegnung im Tempel – dem Greisen Simeon und der Prophetin Anna, der Tag nach dem Geburtsfest der Theotokos – den Gottesahnen Joachim und Anna, der Sonntag nach Pfingsten – allen Heiligen.

Nach den freudigen Momenten der Geburt des Herrn, die ja mit der Verkündigung der Engel an die Hirten und der Anbetung der Weisen aus dem Morgenland einhergegangen war, erleben wir nun die dramatische Zuspitzung der Ereignisse: die nächtliche Flucht der Heiligen Familie ins Exil; die rasche Heimkehr der Weisen auf direktem Wege entgegen ihrer ursprünglichen Absicht, dem Herodes Rechenschaft abzulegen; den massenhaften Kindermord infolge des Wutausbruchs des Herodes.

Der Evangelist Matthäus führt die Prophezeiung Jeremias an, der dieses schreckliche Ereignis vorangedeutet hat: „Ein Geschrei ist in Rama zu hören, bitteres Klagen und Weinen. Rahel weint um ihre Kinder und will sich nicht trösten lassen um ihre Kinder, denn sie sind dahin“ (Jer. 31: 15; vgl. Mt. 2: 18). Rahel, die geliebte Frau Jakobs, dient hier als Symbol für alle Mütter, die ihre Kinder beweinen. In der Stadt Rama im Gebiet von Benjamin wurden 583 v. Chr. die Bewohner des eroberten jüdischen Staates in die babylonische Gefangenschaft geführt. Rahel wurde Jahrhunderte vorher in der Nähe von Betlehem „an der Straße nach Efrata, das jetzt Betlehem heißt“ (Gen. 35: 19), begraben. Aus dem ihr von Jakob errichteten Grab war sie „Zeugin“ sowohl der Gefangennahme der Kinder des Königreichs Juda, als auch des Abschlachtens der unschuldigen Säuglinge und Kleinkinder von Betlehem und Umgebung unter Herodes. Die prophetische Dimension des angeführten Augenzeugenberichts Jeremias bewahrheitet sich laut Matthäus-Evangelium also in Bezug auf den Massenmord zu Betlehem. Die Erzmutter Rahel verstarb nämlich kurz nach der Geburt ihres zweiten Sohnes Benjamin, d.h. sie gebar neues Leben, während sie ihr eigenes verlor. Ihr Tod war das Fanal der Geburt des Volkes Israel (Benjamin war ja der letzte der Söhne Jakobs und somit der zwölfte Stammvater des Volkes Israel). So verkündete der Tod der unschuldigen Kinder von Betlehem in diesem prophetischen Kontext auch die Geburt Dessen, Der das Leben aller ist und zum „Stammvater“ des neuen Israel – der Christenheit - geworden ist. Für diese Deutung spricht auch, dass der Herr Rahel (und durch sie allen weinenden Müttern) Trost im Leid spendet: „Verwehre deiner Stimme die Klage und deinen Augen die Tränen! Denn es gibt einen Lohn für deine Mühe – Spruch des Herrn: Sie werden zurückkehren aus dem Feindesland. Es gibt eine Hoffnung für deine Nachkommen – Spruch des Herrn: Die Söhne werden zurückkehren in ihre Heimat“ (Jer. 31: 16-17). Und ist dies nicht ebenfalls ein prophetischer Vorausblick auf die Taufe, in der wir zunächst mit Christus „auf den Tod begraben“ werden, um dann „als neue Menschen leben“ (Röm. 6: 4) zu können?!

Nun aber zurück zur „Gegenwart“ des Evangeliums. Herodes, zum besagten Zeitpunkt bereits ein alter Mann, hätte durch die Geburt eines Säuglings für seine Person eigentlich nichts zu befürchten gehabt. Trotzdem „erschrak er und mit ihm ganz Jerusalem“ (Mt. 2: 3). Herodes selbst, - weil er als unrechtmäßiger Inhaber der Krone um die Macht seiner Nachkommen fürchtete; seine Getreuen, - weil sie von der Gunst des Herodes abhängig waren; die nicht machtbesessenen Würdenträger sowie die friedfertigen Bewohner Jerusalems, - weil sie die blutigen Folgen eines Machtkampfes und eines Umsturzes fürchteten. Jedenfalls liegt in der Person des Herodes der Schlüssel zu einem tieferen mystischen Verständnis der Ereignisse unmittelbar nach Geburt des Herrn. Herodes saß ja auf dem Thron des Königs David. Und wenn wir uns fragen, welche Rolle König David bei diesen Ereignissen gespielt hat, werden wir wiederum eine Antwort in der Person des Königs Herodes finden – wenn auch mit negativen Vorzeichen. Herodes war ein Vasall Roms auf dem Thron Judäas. Er war selbst nicht aus dem Hause Jakobs, sondern war Idumäer (aus dem Stamme von Jakobs Bruder Esau). Das ist insofern wichtig, als dass sich auch hier eine weitere Prophezeiung im Zusammenhang mit der Geburt Christi erfüllt hatte: „Nie weicht von Juda das Zepter, der Herrscherstab von seinen Füßen, bis Der kommt, Dem er gehört, Dem der Gehorsam der Völker gebührt“ (Gen. 49: 10). Die Herrschaft des Herodes – des „negativen Spiegelbildes“ Davids - ist Symbol der Apostasie, die sich wie ein roter Faden durch alle biblischen Ereignisse zieht. Eines bleibt hierbei unverändert: die Absicht, Gott durch den Menschen zu ersetzen. Die Verführung der Urahnen („Ihr werdet wie Gott“ - Gen. 3: 5); der Turmbau zu Babel („Auf, bauen wir uns eine Stadt und einen Turm mit einer Spitze bis zum Himmel, und machen wir uns damit einen Namen, dann werden wir uns nicht über die ganze Erde zerstreuen“ - Gen. 11: 4); das von den persischen Satrapen erschlichene dreißigtägige Verbot der Bittstellung an irgendjemand anders, als an König Darius, das den Propheten Daniel in die Löwengrube führte (s. Dan. 6); der Wahnsinn des Holofernes im Buch Judith, der alle Götzenbilder und Altäre der unterworfenen Völker zerstören ließ („...damit alle Völker allein Nabuchadnezzar dienen und alle Nationen und alle ihre Stämme ihn als Gott anrufen“ - 3: 8; dazu sein höhnischer Ausspruch gegen den Gott Israels: „Wer ist denn Gott, wenn nicht Nabuchadnezzar?!“ - 6: 2).
Durch die Thronbesteigung des Nicht-Israeliten von Roms Gnaden wird symbolisch ein weiterer Versuch unternommen, Gottes legitime Herrschaft – verkörpert durch König David und seine Nachkommen – mittels eines vom Menschen eingesetzten Surrrogats zu verdrängen. Im Neuent Testament gipfelt dieser Aufruhr des Menschen gegen Gott in der Kreuzigung von Gottes Sohn, Der gekommen war, den Menschen das Reich Gottes zu bringen (s. Joh. 18: 36). Somit ist die Verfolgung Christi schon im Säuglingsalter eine Vorandeutung Seiner Verurteilung durch die weltliche Gerichtsbarkeit auf Drängen der Feinde Gottes.
Im vergangenen Jahrhundert erlebten wir den kläglich gescheiterten Versuch, in Russland und anderswo ein Paradies ohne Gott zu errichten. Schon hier war zu sehen, dass der Kampf des „Drachen“ gegen „den Sohn der Frau“, „Der über alle Völker mit eisernem Zepter herrschen wird“ und Der „zu Gott und zu Seinem Thron entrückt wird“ (Offb. 12: 5) von vornherein aussichtslos war. Doch auch diese Parallele zu unserer heutigen Lesung ist unverkennbar: Es wird viel unschuldiges Blut für den Herrn Jesus Christus fließen.
Schlimm genug, dass wir es heute in nur rein äußerlich veränderter Form wieder erleben. Alle diese Versuche werden scheitern, bis „der Abfall von Gott“ kommt und daraufhin „der Mensch der Gesetzwidrigkeit“ erscheint, „der Sohn des Verderbens, der Widersacher, der sich über alles, was Gott oder Heiligtum heißt, so sehr erhebt, dass er sich sogar in den Tempel Gottes setzt und sich als Gott ausgibt“ (2 Thess. 2: 3-4). Dieses „negative Spiegelbild“ Christi wird der Herr bei Seiner Wiederkehr auf Erden „durch den Hauch Seines Mundes töten und durch Seine Ankunft und Erscheinung vernichten“ (2: 8).

Die Ereignisse in Betlehem und Umgebung im Nachgang zur Geburt Christi spiegeln den von Anbeginn der Welt entfachten Konflikt zwischen „dem Nachwuchs der Frau“ und dem „Nachwuchs der Schlange“ (s. Gen. 3: 15) wieder. Jeder Mensch muss sich Zeit seines Lebens entscheiden, auf wessen Seite er steht. Dies muss er dann durch Wort und Tat, durch sein ganzes Leben zeigen.

Der Kindermord zu Betlehem ist für mich auch ein Sinnbild für unsere Zeit. Ich habe schon öfters über das inzwischen gesellschaftlich selbstverständliche und sogar vom Standpunkt sekulärer Ethik anerkannte „Recht“ der Frauen gesprochen, „mit ihrem Bauch zu tun, was sie selbst für richtig halten“. Von dieser progressiven Rechtsprechung „profitierten“ zumeist Gesellschaften, die nach demokratischen Grundsätzen leben, also in vornehmlich ehemals christlichen Ländern. Nun hat denn jemals jemand darüber nachgedacht, wie heute wohl z.B. das Kosovo aussehen würde, wenn die seit der Einführung der liberalen Gesetzgebung abgetriebenen potentiell christlichen Kinder zur Welt gekommen wären? … Wenn wir das auf Russland, die ganze ehemalige Sowjetunion und die gesamte ehemals christliche Welt einmal „hochrechnen“, müssen wir uns doch im Hinblick auf die heute zu beobachtende demographische Entwicklung in den Industrieländern fragen, ob das Streben nach einem Paradies ohne Gott nicht einer Fahrt mit Vollgas in eine Sackgasse gleicht.
Doch die Opfer sind bei Gott nicht vergessen. Der Umstand, dass die Heilige Kirche die unschuldigen Knaben von Betlehem als erste Martyrer Christi am fünften Tag nach Weihnachten verehrt, zeugt davon, dass sich Gottes Gnade auch auf die erstreckt, die unbewusst und ungewollt ohne die Vereinigung mit Christus auf Erden aus diesem Leben geschieden sind.

Aber wollen wir am letzten Tag des Nachfestes der Geburt Christi nicht auf einer negativen Note abschließen. In Betlehem ist doch allen Menschen das „Licht der Welt“ (Joh. 8: 12 u. 9: 5) erschienen. Und gemäß dem uns heute vorliegenden neutestamentlichen Zeugnis erfüllte sich nach dem baldigen Tod des Herodes ein weiteres Wort der Heiligen Schrift: „Ich rief Meinen Sohn aus Ägypten“ (Hos. 11: 1; vgl. Mt. 2: 15). Der Prophet Hosea bezieht sich in seiner Rede auf das Volk Israel, das Gott der Herr aus der ägyptischen Knechtschaft herausgeführt hatte. In der Heiligen Schrift stehen Ägypten und Babylon für das „Reich des Bösen“ (s. Ez. 16: 26 u. Offb. 17: 5).
Aus der Knechtschaft Ägyptens flohen die Israeliten ins Gelobte Land; die Hure von Babylon ist Sinnbild für das Reich des Antichristen. Beide Länder sind aber nichtsdestotrotz von Gott in Gnaden heimgesucht worden.
Die Heimkehr Israels aus Babylon durch den Erlass des Königs Kyrus, in der sich die hoffnungsfrohe Prophezeiung Jeremias erfüllen sollte, war ja die Geburtsstunde eines neuen Israel im Gelobten Land – manifestiert durch die Wiedererrichtung des Tempels in Jerusalem. Und war den drei Weisen nicht in Babylon der Stern des Herrn erschienen, der sie nach einer beschwerlichen Reise schließlich zum Erlöser der Welt nach Betlehem geführt hat? - Es ist kaum anzunehmen, dass sie nach ihrer Rückkehr ins Morgenland kein Zeugnis abgelegt haben von dem, was sie gesehen und erlebt hatten.
Die Flucht Israels aus Ägypten durch die Wasser des Roten Meeres ist ja Urbild unserer Befreiung von der Knechtschaft des Todes und die Wiedergeburt in Christo durch das Wasserbad der Taufe (s. Röm 6: 1-14). Und der Herr heiligte dieses „Reich des Bösen“ durch Sein etwa einjähriges Flüchtlingsdasein in diesem Lande, so wie Er durch Sein Eintauchen zusammen mit den Wassern des Jordans auch die gesamte, durch die Sünde verkommene materielle Schöpfung geheiligt hat. Das verwundert uns nicht, hat Er durch Seinen lebenbringenden Tod doch sogar die Finsternis der Unterwelt erleuchtet und der ganzen Schöpfung das Leben gebracht!

Zum Abschluss wollen wir anhand der angesprochenen prophetischen Textstellen festhalten: sowohl bei Micha (s. 5: 2), als auch bei Jeremia (s. 31: 16) und Hosea (s. 11: 1) ist jeweils von Rückkehr die Rede. Ägypten und Babylon waren Urbilder der Gewaltherrschaft des Teufels und der Macht des Todes über den Menschen. Somit ist die Rückkehr von Gottes Sohn aus Ägypten der Beginn einer neuen Zeitrechnung. Das Neue Testament kündet von der Einswerdung Gottes mit den Menschen. Aus der Sicht Gottes vollzieht sich dieses Mysterium in der Geburt Christi auf Erden, aus Sicht des Menschen – durch unsere Taufe in den Namen Christi. Und so nähern sich die Tage, da wir in der Kirche in Erwartung der Theophanie („Erscheinung Gottes“) freudig vernehmen werden: „Das Volk, das im Dunkel lebte, hat ein helles Licht gesehen; denen, die im Schattenreich des Todes wohnten, ist ein Licht erschienen“ (Mt. 4: 16; vgl. Jes. 9: 1).

Amen.

Jahr:
2013
Orignalsprache:
Deutsch