Predigt zum Herrentag vom Zöllner und vom Pharisäer (2 Tim. 3:10-15; Lk. 18:10-14) (21.02.2021)

Liebe Brüder und Schwestern, noch drei Wochen bleiben uns bis zum Beginn der Großen Fastenzeit, die für einen orthodoxen Christen die freudigste Zeit des Kirchenjahres ist. Dieses Gefühl ist vergleichbar mit einer langen und beschwerlichen Reise an einen sehr schönen Ort: die (Vor-)Freude ist so groß, dass vor ihr alle bevorstehenden Reisestrapazen verblassen. Und die Fastenzeit ist für uns alle eine Pilgerfahrt zur Karwoche und zur Auferstehung Christi, den absoluten Höhepunkten im Leben eines Christen. Niemand will den Zeitpunkt der Abfahrt verpassen. Aber eine solche Fahrt kann auch zur Qual werden, wenn im Vorfeld nicht alle Reisevorbereitungen gewissenhaft getroffen worden sind (z.B. die richtige Kleidung, das passende Schuhwerk, Reiseapotheke, Sonnencreme, Moskitonetze, Reise- und Sprachführer, Impfschutz etc.). Genauso und sogar in noch viel stärkerem Maße trifft das auf die Große Fastenzeit zu, deren Ziel ja die Reinigung unserer Seele in Hinblick auf das Endziel – unser ewiges Heil – ist. Wenn schon zu Beginn der Fahrt Sand im Getriebe ist, kann es passieren, dass man auf halbem Wege mit einer Panne am Straßenrand stehenbleibt. Damit aber gerade das nicht passiert, bietet uns die Kirche das heutige Gleichnis an, welches uns zwei gegensätzliche Modelle zeigt: Der Pharisäer erfüllt in vorbildlicher Weise alle vorgeschriebenen Regeln: Beten, Fasten, Spenden (s. Lk. 18:12), dazu eine durch und durch moralische Lebensführung (s. 18:11b). Der Zöllner hingegen steht in den Augen vieler seiner Zeitgenossen für das genaue Gegenteil: Selbstbereicherung, Unzucht, Betrug, noch dazu Kollaboration mit der verhassten Fremdherrschaft. Und trotzdem geht am Ende der Zöllner gerechtfertigt nach Hause, der Pharisäer nicht (s. 18:14). Wie dieses? - Klar. Letzterer vergaß eine kleine aber sehr entscheidende Zutat: die Demut. Der heilige Gregorius (Dialogos) der Große, Papst von Rom (+ 604) vergleicht das mit einer Stadt, deren Mauern bestens bewacht und gesichert sind – bis auf ein einziges Tor. Wenn diese Stelle aber unbewacht bleibt, sind alle übrigen Sicherungsmaßnahmen im Angriffs- oder Belagerungsfall völlig nutzlos (vgl. Jak. 2:10). Gewiss schrieb der Pharisäer seine Frömmigkeit und Tugendhaftigkeit Gott zu (s. Lk. 18:11a), jedoch war das eine angelernte Scheindemut mit dem Ziel, sich vor Gott als gerechtfertigt zu präsentieren. Das aber ist die größte dämonische Selbsttäuschung schlechthin, die zum Tod der Seele führt. Wir werden das ganz deutlich in zwei Wochen, dem Herrentag vom Weltgericht sehen (s. Mt. 25:41-46). Eine solche Selbstüberschätzung schließt eo ipso jegliche Reue und Bußbereitschaft aus; die aber ist das Visum für das Reich Gottes, welches bekanntlich in uns ins (s. Lk. 17:21). Der Zöllner zeigte dagegen Demut. Er wagte es nicht einmal, in das Innere des Tempels hineinzugehen, senkte seinen Blick gen Boden und schlug sich an die Brust (s. Lk. 18:13), was ein Zeichen dafür ist, dass er mit sich selbst nicht zufrieden und mit seinem Gewissen nicht im Reinen war. Schön, wenn wir uns darin wiedererkennen könnten: „Denn ich tue nicht das Gute, das ich will, sondern das Böse, das ich nicht will“ (Röm. 7:19). Immerhin: das Wollen war vorhanden (s. 7:18), und so betet er: „Gott, sei mir Sünder gnädig!“ (Lk. 18:13). In unserem Gottesdienst finden sich folgende unglaublich tiefgründigen Worte: „Durch die Buße hat sich der Schächer das Paradies angeeignet...“ *) (Oktoichos, Sonntäglicher Orthros, 1. Ton, Hypakoi) – Welch eine Macht die Reue doch besitzt! Ein Räuber zieht als erster mit dem Herrn ins Paradies ein… Und deshalb heißt es: „Ebenso wird auch im Himmel mehr Freude herrschen über einen einzigen Sünder, der umkehrt, als über neunundneunzig Gerechte, die es nicht nötig haben umzukehren“ (Lk. 15:7; vgl. Mt. 18:13). Der heilige Sisoias der Große (+ 429) erlangte als Wüstenvater engelsgleiche Vollkommenheit. Doch auf dem Sterbelager sagte er zu seinen Brüdern, die ihn um seinen Segen und seine Gebete vor dem Himmelsthron baten: „Wahrlich, ich sage euch: Ich habe noch nicht einmal begonnen mit der Buße!“... So unwürdig erachtete er sich selbst am Ende seines Leben vor dem Angesicht der Ewigkeit. Der heilige Theophan der Klausner (+ 1894) ermahnt uns deshalb alle, beim Bestreben zur Erlangung des Seelenheils unsere ganze Hoffnung auf den Erretter, und nicht auf uns selbst zu setzen. Mit solchen Heiligen müssen wir uns vergleichen, nicht mit Sündern! Hätte der Pharisäer dies beherzigt, hätte er nicht auf den neben ihn stehenden Zöllner herabgeblickt, sondern denen nachgeeifert, die unvergleichlich mehr Gnade vor Gott erlangt haben als er selbst. Und wie viele von uns jahrzehntelangen Kirchgängern wissen bis heute nicht, worin sie jetzt eigentlich noch Buße tun sollen! Ihre Jugendsünden oder ihre evtl. vormalige Entfremdung von Gott sind durch Taufe bzw. Beichte reingewaschen und jegliche Schuld vor Gott danach durch ein Leben nach den Kanones der Kirche getilgt. Folglich ist die Beichte nur eine Pflichtübung für sie. Sünder sind andere, nicht sie... Wenn dem aber so ist, dann sind viele von uns bis jetzt noch nicht vom Herrn berufen worden, denn Er ist gekommen, „um die Sünder zu rufen, nicht die Gerechten“ (Mt. 9:13; Mk. 2:17; vgl. Lk. 5:32). Ohhh! Wollen wir an diesem Tag alle miteinander erkennen, dass wir Erdgeborene trotz unserer Niedrigkeit die Fähigkeit besitzen, für große Freude im Himmel zu sorgen, und zwar dadurch, dass wir uns selbst als große Sünder erkennen und in die empfangsbereiten Arme unseres Himmlischen Vaters zurückkehren. Die Fahrkarte zu dieser Reise ist abholbereit: „Herr, sei mir Sünder gnädig!“ Amen. *) „Разбойничо покаяние рай окраде…“, wörtlich: „Die Buße des Schächers stahl das Paradies“. Vermutlich stand vor den nikonianischen Reformen 1666 отверзе-eröffnete, was dem Sachverhalt im heutigen Verständnis näher kommen würde. Poetisch ist aber das Wortspiel gelungen: Der Räuber bemächtigte sich des Paradieses! Es ist eine Ironie des Schicksals und Ausdruck der Gnade Gottes, dass ein Dieb das Paradies „stahl“...
Jahr:
2021
Orignalsprache:
Deutsch