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Predigt zum Herrentag des Zöllners und des Pharisäers (2 Tim. 3:10-15; Lk. 18:10-14) (01.02.2015)

Liebe Brüder und Schwestern, 

mit dem heutigen Tag beginnt die intensive Vorbereitung auf die Große Fastenzeit, die für uns alle ja eine Zeit der Erneuerung, der Reinigung und der geistlichen Erbauung sein soll. Und so wird uns heute das Gleichnis vom Zöllner und Pharisäer angeboten. Es ist unglaublich, aber auch dieser kurze Abschnitt enthält in komprimierter Form die gesamte Aussagekraft des Evangeliums, das ja in seiner Quintessenz die Versöhnung des Menschen mit Gott verkündet. Allein der Abschlusssatz der heutigen Lesung beinhaltet schon beinahe die gesamte Bandbreite des menschlichen Zugangs zu Gott: „Wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt; wer sich aber selbst erniedrigt, wird erhöht werden“ (Lk. 18:14).

Was folgern wir daraus? - Zunächst einmal, dass das Gebet essenzieller Bestandteil jeglicher Beziehung zu Gott ist, klar, - aber auch, dass diese Beziehung ausschließlich auf einer demütigen Grundhaltung beruhen muss. Demut als christliche Tugend beruht auf einer inneren Geisteshaltung, die permanent die eigene abgrundtiefe menschliche Unwürdigkeit vor der unendlich herrlichen Erhabenheit Gottes sieht. Manche eignen sich zwar demütig anmutende Erscheinungsformen an, die sich in formvollendeter Aneignung der kirchlichen Etikette widerspiegeln („Bitte nach  ihnen, ich bin ja so unwürdig!“), doch wenn jemand ihnen durch Ansicht oder Verhalten gegen den Strich geht, bröckelt diese Fassade im Nu. Sie selbst haben davon nichts und sie bringen dadurch noch dazu den Glauben als solchen in Verruf. Viel schlimmer sind aber die, welche durch ihre „Frömmigkeit“ oder gar „Askese“ meinen, Gott gefällig geworden zu sein. Ihnen gelingt es, in besagten Situationen die Contenance zu wahren, sodass sie den Ruf genießen, wahre Gottesdiener zu sein. Der Widersacher zieht sich listig zurück, leistet ihnen keinen Widerstand, und bestärkt sie sogar in scheinbar gottesfürchtigen Gedanken und Taten, bis er sie soweit hat, dass sie von sich selbst glauben, bereits die Heiligkeit erlangt zu haben. Sie sind extrem starrköpfig, hören auf niemanden – ihren Willen geben sie für Gottes Willen aus, sodass sie sich selbst von der Außenwelt unbemerkt ins Verderben stürzen und auch andere auf diese Weise in die Irre führen. 

Aus dem Gesagten folgt, dass Demut in der Beziehung zu Gott eine absolut unerlässliche Voraussetzung ist. Frömmigkeit ohne Demut ist diabolisch und macht den Menschen hoffärtig. Doch das scheinbar bescheidenste Werk, das mit Demut vollbracht wird, ist Gott gefällig, denn wer weiß, was daraus vielleicht später noch erwachsen kann!? Die hochtrabenden und ambitionierten Projekte der Hochmütigen jedoch können niemals Gottes Gunst finden, auch wenn sie vorgeblich hehren Zielen dienen (s. Lk. 1:51). Vergessen wir nicht, dass der in den Augen der Außenwelt rechtschaffene Pharisäer bei Gott keinen Gefallen fand, während die Buße des gesellschaftlich ausgegrenzten aber einsichtigen Zöllners vom Herrn wohl aufgenommen wurde. Es kommt demnach auf die aufrichtige und ernsthafte Intention an, allein Gottes Willen zu erfüllen: „Geht es mir denn um die Zustimmung der Menschen, oder geht es mir um Gott? Suche ich etwa Menschen zu gefallen? Wollte ich noch den Menschen gefallen, dann wäre ich kein Knecht Christi“ (Gal. 1:10).  

Eine wichtige Aussage der heutigen Lesung ist zudem, dass niemand unter den Menschen befugt ist, über seinen Nächsten zu richten. Wer das tut, kann keine Demut haben. Er mag der größte Wundertäter und Wohltäter aller Menschen sein, und doch ist das alles dann nichts wert vor Gott (s. 1 Kor. 13:1-3). Außerdem fällt es z.B. einem Straftäter, Ehebrecher oder Trunksüchtigen erheblich leichter als einem moralisch Unbescholtenen, sich vor Gott als Sünder zu sehen. Dennoch kann man aus Liebe, Fürsorge und Mitgefühl konkrete Taten oder Verhaltensweisen anderer bloßstellen (s. Eph. 5:11-12), also sachlich Kritik üben, aber dann muss man eben auch bereit sein, sich konstruktiv um eine Verbesserung zu bemühen. Gute Ratschläge geben ist einfach, an ihrer Umsetzung mitzuwirken jedoch erfordert ein hohes Maß an Empathie und Opferbereitschaft. Ein untrügliches Unterscheidungskriterium zwischen notorischen Kritikastern und wohlwollenden Ratgebern ist immer der Grad der eigenen Empfänglichkeit für jeglichen Tadel an der eigenen Person. 

Kommen wir nun aber zum schwierigsten Teil der heutigen Homilie, denn wir wollen miteinander die gefährlichste, weil subtilste Form des zeitlos modernen Pharisäertums behandeln. Ich meine damit die sog. guten Werke, die von den meisten Menschen als Beleg für das Vorhandensein der höchsten und reinsten Form der Liebe sowie als ein für sich selbst genügendes Kriterium der Erfüllung von Gottes Willen gelten. Mir ist deutlich bewusst, dass dieses Thema sehr kontrovers ist und meine nun folgenden Ausführungen wahrscheinlich für so gut wie jeden nicht spirituell lebenden Menschen ein Ärgernis darstellen werden, denn: „Der irdisch gesinnte Mensch (...) lässt sich nicht auf das ein, was vom Geist Gottes kommt. Torheit ist es für ihn, und er kann es nicht verstehen, weil es nur mit Hilfe des Geistes beurteilt werden kann. Der geisterfüllte Mensch urteilt über alles, ihn aber vermag niemand zu beurteilen. Denn wer begreift den Geist des Herrn? Wer kann Ihn belehren? Wir aber haben den Geist Christi“ (1 Kor. 2:14-16), - sagt der Apostel Paulus. In den Psalmen heißt es zudem ein wenig vereinfacht: „Ein törichter Mensch erkennt dies nicht, und ein Uneinsichtiger sieht dies nicht ein“ (Ps. 91:7). 

Schon im Russland des späten 19. Jahrhunderts erhob der heilige Bischof Ignatij (Briantchianinov, + 1867) seine Stimme gegen die damals grassierende abendländisch-humanistische Denkweise vieler seiner Landsleute. Es ist, wie gesagt, ein heikles Thema. Sind gute Werke denn nicht gute Werke? Aber gerade darin sieht der Widersacher sein enormes Verführungspotential, um uns von dem einzigen Weg des Heils abzubringen (vgl. Lk. 10:41): Menschen, die um ihr Seelenheil bemüht sind, werden als Egoisten, Schmarotzer oder Fanatiker verunglimpft, während sozial engagierte Personen als Vollstrecker des göttlichen Willens gelobt werden. Im sich rasant säkularisierenden Russland des 19. Jahrhunderts gab es (wie heute auch) viele, die nicht verstehen konnten, dass Menschen, welche sich selbstlos für die Belange anderer einsetzten, die für ihren Nächsten ihr letztes Hemd gaben, die ihren Einsatz für Notleidende, Kranke oder Unterdrückte sogar manchmal mit dem Leben bezahlten, dafür „in die Hölle“ kämen, nur weil sie nicht Mitglieder der Kirche Christi gewesen seien. Dies ist wahrlich nicht leicht zu verstehen. Ob jemand das Paradies erlangt oder in die Gehenna des Feuers kommt, darüber hat ohnehin keine irdische Instanz zu befinden – auch nicht die kirchliche. Letztere ist aber dafür da, um den Weg (s. Joh. 14:6) dorthin aufzuzeigen und um vor Irrwegen zu warnen. Dass es aufgrund der Arglist des Bösen vielerlei verlockende „Heils-Alternativen“ gibt, um die Menschen von der Erfüllung des wahren Willens des Herrn (s. Joh. 6:39-40) abzubringen, steht wohl außer Frage (s. Mt. 7:21-23). Gott wird gewiss niemanden für dessen „gute Werke“ bestrafen, oder dafür, dass er ein „guter Mensch“ war, aber was ist, wenn dieses Gutmenschentum explizit nicht um Christi willen oder nur vermeintlich aus christlicher Nächstenliebe erfolgte? Kann denn jemand ernsthaft daran zweifeln, dass der Widersacher über einen gewaltigen Apparat an Mechanismen verfügt, um die Menschen durch solcherlei „gute Absichten“ vom Heil abzubringen (s. Lk. 21:8; 2 Petr. 3:17; 1 Joh. 4:6; Röm. 1:18-32; 2 Thess. 2:1-12; 2 Tim. 3:13; Offb. 2:20; 18:23)? Urteilen Sie selbst: Wenn jemand aufgrund „guter Werke“ meint, das Himmelreich erlangen zu können, erklärt so einer dadurch nicht das Erlösungswerk Christi implizit für überflüssig oder für verzichtbar?!.. Darin liegt ja die ganze Schläue des Feindes unserer Errettung! Selbst der Abschnitt des Evangeliums, den die „aufgeklärten“ Verfechter der „guten Werke“ so gerne als Plädoyer für ihre humanistische Heilslehre sehen (Mt. 25:31-46), bringt ganz deutlich zur Sprache, dass nur diejenigen Rechtfertigung erlangen, welche keinerlei gute Werke bei sich erkennen – sprich, demütig vor Gott sind (vgl. Mt. 5:3). Ein Idealist kann von Natur aus ein gutes Herz haben, doch wenn er sich nicht einmal bemüht, geistlich zu Leben und die moralischen Normen einzuhalten, ist er ein Sünder vor Gott, und kein Heiliger. Wenn die Motivation für einen, der für andere sein Leben opfert, nicht Christi Liebe ist – was dann? Heldenruhm, ein Ehrenmal oder ein posthum verliehener Orden? Unterschätzen wir das Täuschungspotential des Teufels nicht! Er macht sich immer unser menschliches, fleischliches Denken zunutze, dazu alle unsere nicht durch die Gnade Gottes eingedämmten seelischen und körperlichen Leidenschaften, um uns auf den Weg der heimlichen Entfremdung von Christus zu bringen (s. Röm. 8:4-8ff). Ein heldenhafter Gutmensch hat sicher irdische Anerkennung verdient (s. Mt. 6:2), aber darf er auch einen himmlischen Lohn erwarten?.. Außer Gott weiß doch niemand, inwieweit gut kaschierte Eitelkeit im Spiel ist. Wir alle kennen Menschen, die aus Motivation ihres Glaubens heraus aktiv Wohltätigkeit üben und einen integren Lebenswandel führen, die aber von sich selbst meinen, dadurch schon vor Gott gut dazustehen, weil sie es so wollen (als schulde Gott ihnen etwas!). Doch der Herr erwartet von uns, dass wir uns bemühen, Seinen Willen zu erkennen (s. Eph. 5:10). Und bekanntlich schützt Unwissenheit vor Strafe nicht  (s. Lk. 12:47-48) – nicht einmal im weltlichen Leben.

Wir leben heute in einer „zivilisierten“ Welt, in der eine Mutter, die gewissenhaft ihren Nachwuchs erzieht, dafür keinen Dank und keine gesellschaftliche Anerkennung bekommt, obwohl sie Tag und Nacht für ihre Kinder da war und dadurch auch das Optimum für die Gesellschaft geleistet hat, während völlig niveaulose Figuren von profitgierigen Machern zu Superstars stilisiert werden und von Millionen extrem Demagogie anfälliger Teenies wie Halbgötter angehimmelt werden. Dabei haben Mütter mehr Anerkennung verdient als alle großen Persönlichkeiten der Weltgeschichte, denn statt irgendeiner heroischen Tat steht eine Mutter jahrzehntelang „ihre Frau“, erträgt den Undank ihrer Sprösslinge – so jemand hätte zig Orden verdient, auf die sie aber verzichten kann. Sie wird ihren himmlischen Lohn nicht verlieren (s. 1 Tim. 2:15)! Wir Orthodoxe verehren ja z.B. die allerheiligste Jungfrau nicht für irgendwelche irdischen Großtaten, auch nicht als „heilige Maria“, sondern als Gottesgebärerin (griech. Theotokos, slaw. Богородица). Sie hat vor den Menschen ostentativ „nichts Großartiges“ getan – und wird trotzdem dank Ihrer Demut als Magd Gottes, Der Großes an Ihr getan hat (s. Lk. 1:48-49), von den Menschen verherrlicht. Sie hat Sich vor Gott und den Menschen erniedrigt, - und wurde von Gott über alle himmlischen Geistwesen erhöht. Welche zusätzliche „Orientierungshilfe“ brauchen wir denn jetzt noch für ein Leben nach dem Glauben?! Gibt es denn für uns nicht genug Beispiele, die der Nachahmung würdig wären?! Warum sehnen sich so viele Menschen nach vergänglichem Ruhm, wodurch sie nur beweisen, dass sie den Worten Gottes keinen Glauben schenken?! Wir sollten mal alle darüber nachdenken, welche Werte uns wirklich wichtig sind – Werte, die bei den Menschen etwas zählen oder Werte, die vor Gott auf ewig Bestand haben (vgl. Mt. 5:10-12; Lk. 6:22,26). Welch ein Segen für uns, dass wir die Worte der Heiligen Schrift als Mahnung haben: „Liebt nicht die Welt und was in der Welt ist! Wer die Welt liebt, hat die Liebe zum Vater nicht. Denn alles, was in der Welt ist, die Begierde des Fleisches, die Begierde der Augen und der weltliche Hochmut, ist nicht vom Vater, sondern von der Welt. Die Welt und ihre Begierde vergeht; wer aber den Willen Gottes tut, bleibt in Ewigkeit“ (1 Joh. 2:15-17). Eine überaus treffende Zustandsbeschreibung für unsere Welt! Es werden nämlich elementar die Dinge genannt, die den Menschen seit Anbeginn der Welt von Gott entfernen (vgl. Gen. 3:6). Wie gut daher, dass für uns schon bald die Große Fastenzeit beginnt, die uns durch Enthaltsamkeit, Buße und Gebet den Weg zurück in den Schoß des Himmlischen Vaters in Demut ebnet! Wir alle haben es nötig (s. 1 Tim. 1:15). Amen.                    

Jahr:
2020
Orignalsprache:
Deutsch