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Predigt zum 13. Herrentag nach Pfingsten (1 Kor 16:13-24; Mt. 21:33-42) (15.09.2019)

Liebe Brüder und Schwestern, 

am Ende seines ersten Briefes an die Korinther schreibt der hl. Apostel Paulus: „Wer den Herrn nicht liebt, sei verflucht! Marána tha -  Unser Herr, komm!“ (1 Kor. 16:22). Was für furchteinflößende Worte sind das! Aber da wo Liebe ist, sollte doch keine Verzagtheit und Furcht herrschen (s. 2 Tim. 1:7). Letztere ist aber notwendig, um Grenzen abzustecken, ohne die es im Leben nicht geht. Es kommt auf das richtige Maß an. Um uns darüber etwas Klarheit zu verschaffen, wollen wir uns dem heutigen Gleichnis von den bösen Winzern widmen. 

Den jüdischen Schriftgelehrten muss die Analogie des Gleichnisses zum prophetischen Lied vom Weinberg (s. Jes. 5:1-7) sofort sauer aufgestoßen sein, was so auch vom Herrn beabsichtigt worden ist (vgl. Jes. 5:2 mit Mt. 21:33). Gott hoffte dort auf süße Trauben, doch der Weinberg – Israel – brachte nur saure Beeren (s. Jes. 5:2,4bc). „Ja, der Weinberg des Herrn der Heere ist das Haus Israel, und die Männer von Juda sind die Reben, die Er zu Seiner Freude gepflanzt hat. Er hoffte auf Rechtsspruch – doch siehe da: Rechtsbruch, und auf Gerechtigkeit – doch siehe da: Der Rechtlose schreit“ (Jes. 5:7). 

Aus dem Kontext beider Texte – des alttestamentlichen Liedes und des neutestamentlichen Gleichnisses – wird deutlich, dass der Gutsbesitzer (also Gott) ja nicht das Eigenwohl sucht, sondern nur das Heil Seines Volkes im Sinn hat: „Was konnte ich noch für meinen Weinberg tun, das ich nicht für ihn tat?“ (Jes. 5:4a; vgl. Mt. 21:37). Tatsächlich, welche Alternativen hatte Er? - Bekanntlich kann man niemanden zu seinem Glück zwingen, deshalb behandelt uns Gott (wir sind jetzt schon beim Neuen Israel – der Kirche – angelangt) nicht wie Sklaven, sondern wie Vertragspartner. Die Winzer werden ja nicht gezwungen, im Weinberg zu arbeiten, vielmehr wird ihnen der Weinberg auf Pachtbasis anvertraut, so dass sie durch ehrlichen Fleiß auf einen guten Lohn für die aufgebrachten Mühen hoffen dürfen. Das war ein fairer Deal zum beiderseitigen Vorteil, eine Win-Win-Situation, wie man heute zu sagen pflegt. 

Mir scheint, im Gesamtzusammenhang ist hier die Rede vom grundsätzlichen Umgang Gottes mit den Menschen und der Menschen mit Gott. Gott geht Selbst den goldenen Mittelweg im Verhältnis zu uns, und Er will, dass auch wir immer auf dem Königsweg bleiben, d.h. weder nach rechts, noch nach links abweichen (vgl. Num. 20:17; Dtn. 2:27; Jos. 1:7; 23:6; 4 Kön. 22:2; Spr. 4:27; Jes. 30:21). Wie hätte uns Gott denn anders retten sollen? - Machen wir hier nun eine Zäsur, um die drei möglichen Wege, die uns das irdische Leben bietet (materiell, moralisch, ideologisch, politisch, vor allem aber geistlich), deutlich aufzuzeigen. 

  1. Freiheitsberaubung. Hier agiert der Übergeordnete als Tyrann, der seinen Untergebenen keinerlei Spielraum zur freien Entfaltung ermöglicht. Er will, dass die Untergebenen um jeden Preis das tun, was er für richtig hält, völlig gleich, was sie selbst darüber denken und egal, ob sie es wollen oder nicht. Wenn die so Geknechteten das Gute und Richtige tun, dann nur aus Zwang bzw. aus Angst vor Repressalien. Ziel ist in jedem Fall die Durchsetzung des Willens des Übergeordneten. In der Geschichte (auch) der Christenheit ein allzu gut bekanntes Phänomen.
  2. Freizügigkeit – Freiheit um der Freiheit willen. Den Untergebenen werden so weit als möglich keinerlei die persönlichen Freiheitsrechte beschneidende Regeln auferlegt. Es geht also aus Sicht des Übergeordneten nicht darum, seinen Willen zu verfolgen oder seinen Vorteil zu suchen, sondern die Persönlichkeitsrechte der Untergebenen als höchstes Gut anzusehen. Nach dem Warum und Wozu, d.h. nach einem höheren Ziel wird nicht gefragt. Hauptsache, sie haben ihren Willen. Ob das, was am Ende dabei herauskommt gut oder schlecht ist, ist im Prinzip nebensächlich. Ziel ist die Entmachtung der übergeordneten Instanz zugunsten der Selbstbestimmungsrechte der untergeordneten Schichten. Auch dieses Modell kennt die (Kirchen-)Geschichte.
  3. Freiheit als Verantwortung. Freiheit wird zwar als überaus hohes Gut angesehen, aber nur unter der Bedingung, dass die Betreffenden mit ihr umgehen können. Freiheit nicht von etwas, sondern für etwas! Um sich für das Gute, und nicht für das Böse entscheiden zu können, muss der Mensch frei sein. Ziel ist aber nicht die Vergrößerung des Aktionsspielraums der Untergebenen an sich und um jeden Preis, sondern die richtige Handlungsweise aufgrund einer ungezwungenen Entscheidung für das Gute. Dazu muss es aber auch zwangsläufig die Möglichkeit geben, das Böse zu wählen. Solches birgt in sich immer das „Risiko“ der falschen Wahl. Das macht diese Variante zur schwierigsten von allen dreien, doch nur sie ermöglicht (gewährt aber nicht) das Wohl und die vollste Zufriedenheit beider Ebenen – der übergeordneten und der untergeordneten. Dieses Modell kennen wir selbstverständlich auch aus der Kirchengeschichte (und hoffentlich aus der Gegenwart).  

Aus dem eben Dargelegten dürfte ersichtlich geworden sein, dass erzwungenes Glück vollkommen wertlos, und leichtfertig verschmähtes Glück zutiefst tragisch ist. Deshalb bevorzugt Christus den goldenen Mittelweg. Er verkündet die Errettung, zeigt uns den Weg des Heils, Er will uns auf diesem Weg führen, wozu wir aber gewisse Regeln befolgen müssen. Doch es ist eine freiwillige, und keine erzwungene Unterordnung, die einzig am Ende dazu führen wird, dass wir uns von Untergebenen zu, ja, Gleichberechtigten emporheben werden (vgl. Joh. 15:14). Ich bin sicher, dass gehorsame Kinder die glücklichsten von allen sind – und ihre Eltern sowieso. Und wenn jemand aus der linken Ecke einwendet: „Und was ist mit der Freiheit?!“ - Die muss man sich erst verdienen, dann kommt sie zur gegebenen Zeit (vgl. Gal. 3:24-25; 4:1). Revolten gegen die Obrigkeit stellen immer ein Aufbegehren gegen die von Gott eingesetzte Ordnung (s. Röm. 13:1) dar – dazu den völlig irrsinnigen Versuch, schon vor der von Gott bestimmten Zeit sich des väterlichen Erbes zu bemächtigen (vgl. Gen. 3:22; Lk. 15:12). Dies ist, verbildlicht, die Vorgehensweise der bösen Winzer, die statt des gerechten Lohnes nach getaner Arbeit sich durch ihr frevelhaftes Vorgehen gleich das Erbe unter den Nagel reißen wollten und dafür auch vor der Ermordung des rechtmäßigen Erbens nicht zurückschreckten (s. Mt. 21:38).

Was nützen Freiheit und Menschenrechte, wenn sie nicht nutzbringend angewandt werden? Stellen Sie sich vor, dass nachdem die „Titanic“ nach einer Havarie Leck geschlagen und zu sinken begann, ein Steward in den Ballsaal geht, wo sich die feine Gesellschaft bei Champagner; Kaviar, Musik und Tanz amüsiert, und die eleganten Herrschaften auffordert, an Deck zu gehen und die Plätze in den Rettungsbooten einzunehmen. - „Was? Ich gehe doch nicht nach draußen, in diese Kälte! Es ist doch so gemütlich und so lustig hier unten, und schließlich haben wir viel Geld für diese Reise bezahlt. Inkommodieren sie uns also nicht bei unserem Amüsement!“..  Und sage mir da noch einer, dass gerade dies (im übertragenen Sinne) nicht auf geistlich-moralischer Ebene in liberalen Gesellschaftsordnungen passiert!.. Freiheit ohne Orientierung ist schlimmer als jede Sklaverei, in der es ja wenigstens eine Ordnung gibt. Doch wo finde ich nun den notwendigen Halt und die unerlässliche Orientierung für mein Leben?..

Der Herr kommt in diese Welt, um die verirrten und desorientierten Menschen aufzurütteln. Er baut dabei jedoch keine Drohkulisse auf, sondern erniedrigt Sich stattdessen, bittet, fleht uns gleichsam an, Ihm unser Vertrauen zu schenken und Ihm zu folgen. Wem, wenn nicht Ihm?!!.. Er will uns nichts aufzwingen, Er hat ja nicht Seinen schnöden Vorteil im Sinn, sondern unser Heil. Deshalb will Er uns auf den Weg des Heils führen. Er tut alles, damit wir diesen Weg selbst erkennen und Ihm freudig nachfolgen. Was hätte Er noch tun sollen, was Er nicht schon für uns getan hat?! Es ist nun mal der beste, mehr noch – der einzige gangbare Weg für Gott in Bezug auf uns Menschen, der unsere Würde und unsere Freiheit respektiert, darüber hinaus aber auch bis hin zur Selbstaufgabe das Ziel verfolgt, uns dem ewigen Heil zuzuführen. Umso unerklärlicher ist es für mich, dass sich getaufte Christen vom Glauben abkehren und sich Religionen zuwenden, in denen all das überhaupt keine Komponente von Belang darstellt. Sie verschmähen dadurch die von Gott gegebene Freiheit, weil sie sich vor der Last der Verantwortung drücken, die natürlich die Möglichkeit einer falschen Entscheidung mit sich trägt, aber letztlich die einzige Alternative zur Erlangung der Gerechtigkeit ist. Den Primitivismus in Sekten und anderen Religionen ziehen sie dem ach so unverständlichen Gewirr an Regeln und Gebräuchen im Christentum vor, - so, als ob ein potenzieller Nobelpreisträger sich mit den vier einfachen Rechenarten begnügen würde und vielleicht noch das Erlernen des kleinen Einmaleins als grandiose freiwillige Zusatzleistung hinstellen würde. Auch das ist Freiheit – die aber ohne die Liebe Christi nur die Verfluchung zur Folge hat: „Marána tha – Unser Herr, komm!“ Amen.

Jahr:
2019
Orignalsprache:
Deutsch