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Predigt zum Hochfest des Entschlafens der Allerheiligsten Gottesgebärerin (Phil. 2: 5-11; Lk. 10: 38-42; 11: 27-28) (28.08.2019)

Liebe Brüder und Schwestern, 

heute feiern wir den seligen Heimgang der jungfräulichen Mutter unseres Herrn – das Entschlafen der Gottesgebärerin und steten Jungfrau Maria. Ihre leibliche Aufnahme in den Himmel nach drei Tagen gemäß der Überlieferung zeugt davon, dass nach der Auferstehung und Himmelfahrt unseres Herrn auch für uns der leibliche Tod bloß einen Übergang vom zeitlichen ins ewige Leben darstellt. Die äußeren Umstände Ihres Entschlafens – die wunderbare Entrückung der Aposteln des Herrn von den Enden der Erde (vgl. Apg. 8:39-40) aus Anlass Ihrer Grablegung im Garten Gethsemane sowie die nochmalige Öffnung des Grabes zum Zwecke der Abschiedsnahme durch den zuvor abwesenden Apostel Thomas, bei der festgestellt wurde, dass der Leib der Immerjungfrau in den Himmel aufgenommen worden war – zeugen davon, dass jedem von uns ein seliges Ende gewährt werden wird, so er denn ein Leben in der Reinheit des Herzens geführt gehabt haben wird. Im Himmel gibt es demnach keine Gleichmacherei nach den Vorstellungen von Sozialromantikern, sondern umgekehrt: „Wer kärglich sät, wird auch kärglich ernten; wer reichlich sät, wird  reichlich ernten“ (2 Kor. 9:6). Auf der Ikone des Festtages sehen wir ja, wie der Herr Jesus Christus Selbst am Sterbelager Seiner Mutter erscheint und Ihre reine Seele in Gestalt eines Kindes – Symbol für Unschuld – zu Sich nimmt. 

Können aber auch wir als Erwachsene kindlich rein sein?.. - Wir können nicht nur, wir müssen es sogar, um in das Himmelreich eingehen zu können (s. Mt. 18:3). Davon kündet die Kirche unentwegt an Festtagen zu Ehren der Gottesgebärerin anhand des Beispiels der beiden Schwestern des Lazarus Martha und Maria. Maria hatte jegliche irdische Betriebsamkeit beiseite gelegt und hörte aufmerksam den Worten des Herrn zu, womit sie „das Bessere gewählt“ hatte, das ihr nicht genommen werden sollte (s. Lk. 10:41). 

Die ersten Christen haben es uns ebenfalls vorgemacht: „Tag für Tag verharrten sie einmütig im Tempel, brachen in ihren Häusern das Brot und hielten miteinander das Mahl in Freude und Einfalt des Herzens“ (Apg. 2:46). Ihnen gleich in Sachen Einfalt des Herzens taten es auch der hl. Paulus der Einfache (4. Jhd.), der hl. Seraphim von Sarov (+ 1833), der hl. Paisios vom Athos (+ 1994) und viele andere Heilige. Der hl. Paulus war ein einfacher Bauer, der seine untreue Frau eines Tages beim Ehebruch ertappte. Er klagte sie jedoch nicht an, sondern überließ ihr den Besitz und zog sich in die Wüste zurück, um mit sechzig Jahren als gelehriger Schüler des hl. Antonios die Erhabenheit der Demut zu erwerben. Der hl. Seraphim von Sarov empfing jeden Besucher in seiner Einöde mit den Worten: „Meine Freude! Christus ist auferstanden!“ (auch außerhalb der Osterzeit). Der hl. Paisios bekreuzigte sich jedes Mal, wenn Düsenflugzeuge über den Athos flogen, weil er meinte, silbern glänzende Kreuze am Himmel zu sehen. Und als ihm ein Pilger mal ein Transistorradio „Made in Japan“ schenkte, hielt er das +-Zeichen am Lautstärkeregler für ein Kreuz und fing an, es aus Freude zu küssen, weil er der meinte, dass nun auch die Japaner das Christentum angenommen hätten. Ja, einfacher geht es nicht… Manch einer wird hier die Nase rümpfen ob eines solchen Mangels an aufgeklärten Rationalismus. Doch was für eine Gnade wurde Gottes Auserwählten dafür geschenkt!: - Als man einen von einem schrecklichen Dämon geplagten Mann zum hl. Antonios in die Wüste brachte, gab er an, diesen nicht austreiben zu können, sagte lapidar, dass dies nur dem hl. Paulus möglich sei. Dieser war aber nur ein unerfahrener Novize. Doch Paulus stellte sich aus Gehorsam gegenüber seinem Altvater und im vollen Vertrauen auf die Kraft der Gebete desselben zur mittäglichen Stunde in die Wüstensonne und wich nicht von der Stelle, bis Christus den Mann von dessen schrecklichen Leiden befreit hatte. Er hatte sein eigenes Überleben mit dem Schicksal des leidgeplagten, völlig unbekannten Mannes verbunden, und vertraute auf die Barmherzigkeit des Herrn. - Der hl. Seraphim hatte täglich Besuch von einem riesigen Bären, den er mit paradiesischer Einfachheit wie ein Schoßhündchen behandelte. Und als er in seiner Einsiedelei von drei Räubern, die bei ihm enorme Reichtümer vermutet hatten, überfallen und zum Krüppel geschlagen wurde, weigerte er sich nach deren Festnahme, vor Gericht gegen sie auszusagen. Er sah sich nicht als unschuldiges Opfer an, sondern betrachtete seine Peiniger als von Gott gesandte Vollstrecker eines gerechten Urteils, das er als letzter Sünder vollends verdient hatte. So ereigneten sich während der tagelangen Feierlichkeiten aus Anlass seiner Heiligsprechung 1903 unzählige Heilungen, sobald sich ebenso einfache Menschen mit reinem Herzen in ihren Gebeten an den Heiligen wandten, schilderte damals voller Verwunderung Archimandrit Sergij (Stragorodskij, +1943), der spätere Patriarch von Moskau und der ganzen Rus´ (1941-43). - Der hl. Paisios genießt heute ein derart hohes Ansehen in der ganzen orthodoxen Welt, weil ihm Gott für seine Demut des Herzens eine wahrlich überirdische Weisheit verliehen hat, als einfacher Mönch geistlicher Ratgeber für Weltkinder zu sein (s. seine fünf Bände „Über das Familienleben“). Er selbst beschreibt im Neuen Paterikon des Heiligen Berges, wie ein überaus simpler und völlig ungebildeter älterer Mönch am Himmelfahrtstag (gr. Analepsis) unerwartet Besuch bekam, aber nichts zur Bewirtung der Gäste bei sich hatte. So stellte er sich ans Fenster, das zum Meer gewandt war, betet kurz zur „Tagesheiligen“ Agia Analepsis, streckte seine Arme aus – und hielt umgehend einen großen Fisch in den Händen... 

Nun verstehen wir auch, warum unser Herr gesagt hat: „Ich preise Dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil Du all das den Klugen und Weisen verborgen, den Unmündigen aber offenbart hast. Ja, Vater, so hat es Dir gefallen“ (Mt. 11:25; Lk. 10:21). Demnach sollen auch wir „offen für das Gute, unzugänglich für das Böse“ bleiben (Röm. 16:19) und „das Törichte an Gott“ (1 Kor. 1:25) hoch achten, „um die Weisen zuschanden zu machen“ (1:27).

Die Reinheit des Herzens offenbart sich doch im täglichen Leben. Der hl. Paisios erzählt folgenden Fall: drei alte Männer sitzen auf einer Bank und beobachten einen jungen Mann, der in großer Eile an ihnen vorbeiläuft. Der Erste sagt erbost: „Das ist bestimmt ein Dieb auf der Flucht.“ Der Zweite sagt, verschmitzt grinsen: „Nein, er ist wohl verliebt und fürchtet, dass er zu spät zu seiner Liebsten kommt.“ Der Dritte aber lächelt liebevoll und sagt: „Ich denke, er beeilt sich, um nicht zu spät zum Gottesdienst in die Kirche zu kommen“. Wir wollen hier (wie auch der hl. Paisios es bewusst tat) offen lassen, wer von den dreien in der Sache Recht hat (wenn überhaupt einer richtig vermutet). Wir erkennen aber, dass der Dritte im Herzen rein war und dafür dann von Gott in Fragen, die für ihn persönlich wirklich von Belang sind, mit der notwendigen Weisheit ausgestattet sein wird. Liebe, die alles erträgt, alles glaubt, alles hofft und allem standhält (s. 1 Kor. 13:7) hat nichts mit Blauäugigkeit zu tun; sie ist vielmehr das vollkommene Urbild der bestens bekannten Unschuldsvermutung im Justizwesen, die für jeden mutmaßlichen Kapitalverbrecher bis zu seiner rechtskräftigen Verurteilung gilt.  Daher will der Herr, dass wir als Schafe unter den Wölfen „klug wie die Schlangen und arglos wie die Tauben sind“ (Mt. 10:16). Natürlich sollen wir als Christen nicht naiv sein, aber andererseits müssen wir uns auch vor der Sünde der Vorverurteilung schützen. Lieber irre ich mich in meiner Mutmaßung zugunsten eines Schuldigen, als dass ich einen Unschuldigen in meinem Herzen richte (vgl. Mt. 7:1-2; Mk. 4:24; Lk. 6:37-38). In der Nachfolge Christi sollen die Augen meines Herzens ohnehin nur auf meine eigenen ungezählten Verfehlungen gerichtet sein, so dass ich jegliches Ungemach, das mir widerfährt, mit größter Dankbarkeit als gerechte Maßregelung für meine Sünden annehme. Schließlich bin ich nackt in diese Welt gekommen, und werde sie auch wieder nackt verlassen (vgl. Hiob 1:21); Gott schuldet mir demzufolge nichts. Ich aber schulde Ihm unendlichen Dank für all das Gute, das ich unverdient erhalte, aber fast noch mehr für das Böse im zeitlichen Leben, weil es mich vor der ewigen Strafe zu bewahren vermag. 

Das glänzendste Beispiel für solch eine Sanftmut sehen wir aber in der unbefleckten Jungfrau Maria, die trotz unvorstellbarer seelischer Schmerzen klaglos die Kreuzigung Ihres Sohnes erduldet hatte. Zuvor hatte Sie alles mit Ihrem Sohn Erlebte in Ihrem Herzen bewahrt und darüber nachgedacht (s. Lk. 2:19,51). So konnte Sie zuerst an das glauben, was nach Gottes Ratschluss mit Ihr geschehen sollte (s. Lk. 1:45), und hegte nach Seiner Grablegung keinerlei Zweifel an der Auferstehung Ihres Sohnes. Heute nun erweist Ihr Sohn Ihr die Ehre und empfängt Ihre reine Seele im Himmel. Und wir alle sind an diesem Tag berufen, Ihr auf dem Weg der Reinheit des Herzens zu folgen. Amen.    

Jahr:
2019
Orignalsprache:
Deutsch