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Predigt zum 8. Herrentag nach Pfingsten (1. Kor. 1:10-18; Mt. 14:14-22) (11.08.2019)

Liebe Brüder und Schwestern, 

wie schon so oft erlebt, enthält der heutige kurze Abschnitt aus dem Evangelium von der wunderbaren Brotvermehrung durch den Herrn die gesamte Aussage des Evangeliums in komprimierter Form. Man kann auch hier anhand der Bildersprache beliebig Interpretationsmerkmale ausfindig machen, so z.B., dass Christus Selbst das Himmlische Brot ist, das Er den Gläubigen in unerschöpflicher Fülle darreicht (s. Joh. 6:22-59). Die heute vorgetragene Begebenheit ist aber sowohl als Ganzes, als auch im Detail von einzigartiger Aussagekraft in Bezug auf das geistliche Leben.

Wir alle wünschen uns Gottes Hilfe und Schutz für unser irdisches Dasein, finden dazu durchaus auch bestärkende Worte im Evangelium (s. Mt. 7:7-8; Mk. 11:24; Lk. 11:9-10). Doch während diese Aussagen in den drei synoptischen Evangelien eher allgemein verfasst sind, wird es beim Evangelisten Johannes konkreter: "Wenn ihr in Mir bleibt und wenn Meine Worte in euch bleiben, dann bittet um alles, was ihr wollt: Ihr werdet es erhalten. Mein Vater wird dadurch verherrlicht, dass ihr reiche Frucht bringt und meine Jünger werdet" (Joh. 15:7-8). Wir sehen hier die Einschränkung: wenn ihr in Mir bleibt und wenn Meine Worte in euch bleiben. Also sollen wir nicht um x-beliebige Dinge bitten, sondern gemäß dem Worte Christi: "Amen, amen, Ich sage euch: Was ihr vom Vater erbitten werdet, das wird Er euch in Meinem Namen geben. Bis jetzt habt ihr noch nichts in Meinem Namen erbeten. Bittet, und ihr werdet empfangen, damit eure Freude vollkommen ist" (Joh. 16:23b-24).

Im irdischen Leben beobachten wir, dass Menschen, die alles haben, was ihnen anstrebenswert erschien (Reichtum, Macht, Ruhm, Vergnügungen), ihre Bedürfnisse trotzdem nicht stillen können. Wer aber Christus hat, der hat wirklich alles, er ist wunschlos glücklich (s. Joh. 4:13-14). 

Als Gegenstück zu diesen weltlichen Süchten sehen wir die Menschenmenge an einem abgelegenen Ort in der näheren Umgebung des Sees Genezareth. Sie hörten den Worten Jesu vom Himmelreich zu, manche vielleicht seit Tagen. Fünftausend Männer, womöglich ebenso viele Frauen und Kinder, darunter wohl auch zahlreiche Alte und Schwache, die keine Strapazen gescheut hatten und dem Herrn in diese Einöde gefolgt waren. Oh, wenn ich da an meine Kindheit denke, als ich in der Kirche neben meiner Großmutter ausharren musste, wobei sie kerzengerade stand, während ich ständig das Standbein wechselte und alle fünf Minuten fragte, wie lange der Gottesdienst denn noch dauern würde... Und heute gibt es für uns tausend Gründe, sonntags nicht in der Kirche zu sein, aber wenn es mal bei uns irgendwo brennt, erinnern wir uns plötzlich an den lieben Gott als Helfer in der Not. Aber ist das aufrichtig gegenüber Gott, der ja unsere Herzen erforscht (s. Röm. 8:27)? 

Die Leute am Ufer des Sees Genezareth hatten eindrucksvoll vorgelebt, wie die Hingabe zu Gott auszusehen hat: Sie vergaßen ihre irdischen Sorgen und Nöte, so dass erst die Jünger des Herrn darauf aufmerksam werden mussten, dass sie ja alle auch leibliche Bedürfnisse haben (s. Mt. 14:15). Und Gott, Der die Menschen Selbst ja gerade zu solch einer hingebungsvollen Nachfolge auffordert, wird Er ihnen dann etwa Seine Hilfe in materiellen Dingen verweigern (s. Mt. 6:33)?!..

Das kirchliche Leben gründet sich auf dem Enthusiasmus der Gläubigen (s. Apg. 2:44-47). In orthodoxen Ländern wurden früher Kirchen und Klöster nicht gebaut, weil irgendwann einmal der Zar oder König in die betreffende Gegend kam und einen Sack mit Goldmünzen aus seiner Prachtkarosse warf, sondern weil die zumeist armen Leute das Letzte gaben, was sie an materiellen Gütern, an Zeit, Kraft und Handfertigkeiten besaßen. Ganz wie der kleine Junge (vgl. Joh. 6:9), der fünf Brote und zwei Fische bei sich hatte, die für ihn allein wohl ausgereicht hätten, die er aber bereitwillig abgab. Gott kann natürlich auch aus dem Nichts ein Wunder bewirken, doch stattdessen wartet Er darauf, bis sich seitens der Menschen eine entsprechende Bereitschaft einstellt, Ihm gegenüber auf wahrhaft kindliche Art "in Vorleistung" treten zu wollen. Dann wird Gottes Kraft in der Schwachheit der Menschen offenbar.

Das müssen wir moderne Christen erst begreifen. Für orthodoxe Christen aus der ehemaligen Sowjetunion (wenn sie nicht gerade in Sibirien oder in der kasachischen Steppe gelebt haben) ist es fast selbstverständlich, dass es in jeder größeren Stadt wenigstens eine Kirche gibt, in der man seine Kinder taufen lassen kann und für die allermeisten Menschen aus Westeuropa ist es (noch) geradezu undenkbar, dass es in der Stadt oder auf dem Lande in der Nachbarschaft kein funktionsfähiges Gotteshaus gibt. Aber für uns als orthodoxe Christen im westlichen Ausland ist es nicht so;  überhaupt finden bislang übliche Denkmuster hier keine Anwendung, denn - ja, die Priester müssen auch von etwas leben und - nein, die orthodoxe Kirche in Deutschland erhält keinerlei Unterstützung aus staatlichen Mitteln. Eine Kirchengemeinde existiert demnach hier nicht als Selbstverständlichkeit und ihre Entstehung erfolgt nicht zwangsläufig aus dem Nichts.

Der Herr erwartet von jedem, dass er seinen Beitrag zum Aufbau und zum Erhalt seiner Gemeinde leistet: durch aktive Beteiligung am Gemeindeleben, durch Übernahme von Verantwortung, durch Opferbereitschaft in Form von Zeit und Kraft, die man zum Wohle der Gemeinde aufwendet. Wenn wir das tun, wird es uns der Herr schon in diesem Leben hundertfach vergelten (s. Mt. 19:29; Mk. 10:30; Lk. 18:30). Es ist daher vor allem eine Frage des Glaubens, ob wir nach diesem Grundsatz handeln und leben wollen. Amen.

Jahr:
2019
Orignalsprache:
Deutsch